Um 7 Uhr sitze ich wieder am Frühstückstisch. Es gibt wieder Toastbrot, Ei, Instantkaffee und Früchtemarmelade ohne Früchte.
Google sagt: "Routinen und Rituale vermitteln ein Gefühl von Sicher- und Geborgenheit, sie schenken Vertrauen und dienen zur Orientierung im Alltag", aber ich kann diese Null-Frucht-Marmelade auf Null-Nährwert-Brot so langsam trotzdem nicht mehr sehen.
Um 7:30 Uhr machen wir uns zu Fuß auf den Weg zum Massai-Dorf, das nur wenige hundert Meter von unserem Camp entfernt ist.
Die Massai sind Mitglieder einer indigenen Volksgruppe, die in Kenia sowie Tansania beheimatet sind und - verglichen mit uns - wahrscheinlich wie Steinzeitmenschen leben.
Mit einem Einheimischem in rotem Gewand laufen wir den rötlichen Sandweg entlang. Es sind noch ein paar Pfützen vom gestrigen Regen übrig geblieben, so dass wir ein bisschen Zickzack laufen damit unsere Schuhe trocken bleiben. Zwischendurch kommen uns ein paar andere Einheimische entgegen, die mit einem Stock ihre Kuhherde antreiben und an uns vorbeilenken. Unser Guide bleibt außerdem kurz stehen und zeigt uns erst eine Pflanze, die als natürlicher Moskitoschutz dient und dann eine weitere, deren Blätter von den Massai als Toilettenpapier verwendet werden. Einlagig, reißfest 100 Prozent ökologisch, kostenfrei und sogar vollständig biologisch abbaubar. Dafür 0 Prozent saugstark, 5 Prozent gründlich und nur 10 Prozent praktisch. Ich frage mich, wie viel Blatt so ein Baum wohl hat. Dann zupfe ich mir eins ab und bringe unseren Guide zum Lachen indem ich für die Anderen pantomimisch die Funktion der Blätter demonstriere und mit dem Hintern wackle.
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"Ahummmmmnnnn Mhhhhh Ahummmmmnnnn Mhhhhh", tönt es aus der Ferne als wir uns dem Dorf nähern. "Das ist der Willkommenstanz", erklärt unser Guide. Wenige Minuten später stehen wir zwischen den mit roten Tüchern und Perlenketten geschmückten Männern und wippen vor und zurück während wir uns im Kreis bewegen. Dann hüpfen wir auf der Stelle und machen dabei ebenfalls Ahummmmmnnnn Mhhhhh Ahummmmmnnnn Mhhhhh. Außer der Finnländer und seine Freundin. Die stehen am Rand, schießen Fotos und wirken irgendwie peinlich berührt von unserer Tanzeinlage. Einer der Männer aus dem Kreis versucht, wenigstens ihn zum Mittanzen zu bewegen nachdem seine Freundin kopfschüttelnd abgelehnt hat. Kurze Zeit später steht er mit seinem Safarihut wenig begeistert zwischen uns und guckt als hätte man ihm gerade mitgeteilt,dass leider aus Versehen alle 29.658 Fotos von seiner Speicherkarte gelöscht wurden.
Ich muss sagen, dass dieser Tanz von außen ziemlich bekloppt aussieht, aber mega gute Laune macht. Das ist ein bisschen so wie Ecstatic Dance, was ich in Hamburg als neues Hobby entdeckt habe. Beim Ecstatic Dance kann man wortwörtlich "Tanzen als würde niemand zuschauen" und mal so richtig bekloppt Abzappeln. Dabei ist alles erlaubt und kein einziger Dancemove (egal wie bekloppt) wird verurteilt. Falls ihr das noch nicht probiert habt, dann solltet ihr das unbedingt tun. Und falls ihr jetzt bei YouTube nach Videos schaut: Nein, die ganzen Leute haben sich keine Drogen reingeschmissen und sind auch nicht betrunken. Sie feiern einfach komplett nüchtern ihr Leben so wie wir das hier gerade tun.
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"Welcome to our Village!", sagt ein Mann mit rot-schwarz-kariertem rotem Tuch, bunter Halskette mit silbernen Akzenten und dem rot-weißen Halstuch. "Ich zeige euch jetzt erstmal, wie wir Feuer machen und dann werdet ihr unsere Häuser von innen sehen. Zum Schluss könnt ihr beim Massai-Markt noch ein paar schöne Souvenirs kaufen."
"Also erstmal ein paar Basics", fährt er fort als wir vor einem der kleinen Häuser stehen. "Alle Jungen werden mit 15 beschnitten und gehen dann 5 Jahre in den Dschungel, um einen Löwen zu töten. Wenn sie das geschafft haben, dürfen sie zurück ins Dorf. Bei der Beschneidung sitzen sie mit gestreckten Beinen auf dem Boden und es geht darum, keine Miene zu verziehen. Denn das ist ein Beweis, dass du ein echter Mann und Krieger bist!"
"Wahnsinn", denke ich. In Deutschland sammeln die meisten Männer schon bei einer Grippewelle ihre Nahtoderfahrungen und hier lassen sie sich einfach unbetäubt ihre Vorhaut wegschnippeln. Wie viel Morphium müsste man einem deutschen Mann wohl reindonnern damit er ähnliche Schmerzen aushält?
"Hier, setz den mal auf", sagt der Mann zu Simi und drückt ihm einen flauschigen Helm in die Hand. "Der ist aus einer Löwenmähne gemacht."
Simi streichelt genüsslich über das Fell: "Also im Vergleich zu den indischen Löwen wirkt das hier so als hätten die Löwen alle ordentlich Conditioner verwendet und ihre Frisur gezähmt. Das ist ja superduperflauschig und glatt!" Er setzt sich den Hut auf und macht ein Foto mit dem Stammesältesten, der gerade auf einem Baumstumpf sitzt.
Dann zeigen uns zwei Männer, wie sie mit einem angespitzten Stock und einem Messer Feuer machen.
Das Verrückte ist, dass diese Menschen wirklich alle freiwillig so leben und das hier gerade keine Steinzeit-Show ist, bei der man das Feuerzeug in der Hosentasche versteckt hat.
Ich stelle mir das ehrlich gesagt etwas wild vor, wenn man um den industriellen Fortschritt weiß und dann trotzdem extra mit einer Kutsche zur Arbeit fährt obwohl es längst Autos gibt. Aber irgendwie ist das auch ein verdammt spannender Lebensansatz.
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"Komm in mein Haus", sagt ein anderer Mann, dem ich gerade zugeteilt wurde.
Ich betrete den dunklen Eingang des Lehmhauses, was aber gar kein Lehmhaus ist, wie ich gleich erfahren werde.
Dann setze ich mich auf die flache Holzbank im Inneren des etwa 12 Quadratmeter kleinen und etwa 1,80 Meter hohen Hauses. Der Mann nimmt gegenüber von mir auf einem Baumstumpf Platz. Ich schaue mich um.
"Woraus besteht dieses Haus?", frage ich.
"Aus Holz, Erde und getrockneter Kuhscheiße", erklärt er mir und fährt fort: "Nur die Frauen wissen, wie es gebaut wird. Das dauert etwa 3 Monate bis das Haus fertig ist und dann bleiben wir hier 9 Jahre. Anschließend wird das Haus von Termiten befallen und man kann nicht mehr darin wohnen."
Mein Blick schweift von einer Seite auf die andere. Es ist so dunkel, dass ich im Licht der einzigen an der Wand angebrachten Glühbirne kaum etwas erkenne.
"Woher habt ihr Strom?", frage ich und er erklärt mir, dass sie die Solarenergie nutzen. Das wiederum finde ich spannend, weil Papa erst vor glaube ich zwei Monaten auf die Idee gekommen ist, sich ganz zu Mama's Freude die Solarplatten aufs Haus zu zimmern und diese Steinzeitmenschen schon wesentlich eher darauf gekommen sind.
"Und wo schlaft ihr?", fahre ich fort und schaue auf das aus Kuhscheiße modellierte Regal, auf dem ein paar Blechtöpfe stehen.
"Hier links schlafen unsere beiden Kinder und rechts wir", antwortet er und fordert mich auf, mit meiner Handytaschenlampe nach links und rechts zu scheinen. Ich entdecke zwei Schlafplätze mit bunten Decken, die sich recht unscheinbar hinter einem Vorsprung befinden. "Wir haben auch noch ein Gästebett", fügt er hinzu und deutet auf die Wand hinter mir, hinter der sich offenbar ein kleiner Gang mit einem weiteren Schlafplatz befindet.
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Das ist der Wahnsinn. Erstmal muss ich so richtig darauf klarkommen, dass ich gerade zum ersten Mal in meinem Leben in einem echten "Scheißhaus" sitze und dass das hier tatsächlich der Lebensmittelpunkt und das Zuhause von 4 Menschen ist. Ich bin kurz sprachlos und sage dann: "Das ist amazing."
Dann plaudern wir ein wenig darüber, wie gegensätzlich das Leben in Deutschland ist. Er ist schockiert darüber, dass ich in Hamburg nicht einmal die Namen der Menschen kenne, mit denen ich ein Haus teile: "WIE du kennst den Namen deiner Nachbarn nicht?!"
"Wir kennen hier jeden im ganzen Dorf, wir teilen alles und wir helfen uns", sagt er.
Ich muss darüber erstmal nachdenken. Das ist eigentlich der Wahnsinn, über was wir uns in Deutschland immer beschweren und wie banal der ganze Scheiß eigentlich ist, wenn man bedenkt,dass am anderen Ende der Welt Menschen in Häusern aus Kuhscheiße wohnen und das sogar freiwillig tun.
"Bist du glücklich?", frage ich.
"Ja, sehr", antwortet er und lächelt mich mit breitem Grinsen an.
Dann verlassen wir das Haus.
Dieser Ort ist die perfekte Erinnerung daran, dass du alles besitzen und doch nichts haben kannst. Oder dass du nichts besitzen und trotzdem alles haben kannst.
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