Donnerstag, 26. Oktober 2023

Diani Home Stays

 Als ich wieder im Hotel ankomme, läuft mir strahlend Peris in die Arme. "Hooow was it, Julia?", fragt sie neugierig.

"Ja, war cool. Meine Reisegruppe war richtig toll", antworte ich. "Danke fürs Organisieren. Das hat Spaß gemacht!"

Peris lacht.

Ich hab noch nie so eine lebensfrohe, supersüße und hilfreiche Tourorganisatorin getroffen. Bei ihr hatte ich wirklich das Gefühl,dass sie etwas Tolles organisieren statt mich abzocken will. "Ich will das Beste für meine Gäste", hat sie gesagt und das glaube ich ihr auch.

Wir trinken noch einen Cappuccino zusammen und sie verbindet mich direkt mit einem anderen Tourguide aus Diani. Dann drücken wir uns ganz fest und sie verabschiedet sich in ihren wohlverdienten Feierabend.

Tschüß, du süße Peris und danke für alles!

-----

Am nächsten Tag stehe ich schon um 5 Uhr auf und packe meine Rucksack. Beim nächsten Mal nehme ich definitiv nur die Hälfte Gepäck mit auch wenn ich dieses Mal nur 11 Kilogramm dabei habe. Allerdings muss ich sagen, dass sich mein Backpack, der sich wie eine Sporttasche öffnen lässt, als superpraktisch erweist und ich echt froh bin, mir so ein Modell gekauft zu haben.

Der Mann von der Rezeption bringt mir einen Kaffee in mein Zimmer und fragt mich, ob er mir auch noch Toast bringen soll. Ich habe die Frage nach Toast heute Morgen fast schon vermisst und sage natürlich ja.

Dann warte ich vor dem Hotel auf meinen Uber-Fahrer, der mich zum Bahnhof bringen wird. Um 8 Uhr geht mein Zug nach Mombasa.

Man könnte jetzt meinen, dass es völlig bekloppt und viel zu früh ist, schon vor 6 Uhr loszufahren, aber warum ich mit so viel Vorlauf da sein will, verrate ich euch gleich.

-----

Gegen 6:30 Uhr erreichen wir "Nairobi Terminus".

Ich wurde vorab vorgewarnt, dass es hier "ein paar" spezielle Sicherheitskontrollen gibt, die eventuell "etwas länger" dauern, aber dass es strenger als an einem deutschen Flughafen ist, überrascht selbst mich. Also here we go:

Kontrolle 1: Ein Security -Mann bittet mich beim Betreten des eingezäunten Bahnhofgeländes, mir zu verraten, was ich hier will und wirft einen Blick auf mein Gepäck. Ich frage mich, warum die sich fragen, was ich an einem Bahnhof will und verstehe nur Bahnhof

Kontrolle 2: Ich soll mit meinem Gepäck durch so einen Scanner laufen und parallel begutachten zwei Frauen mit einem Stock kurz meine Sachen

Kontrolle 3: Wir legen alle unser Gepäck in einem Vorzelt des Bahnhofs aufgereiht auf den Boden Dann treten wir alle soweit zurück bis wir an der Außenwand des Zeltes stehen und schauen zu, wie zwei Spürhunde an unseren Taschen entlangschnüffeln

Kontrolle 4: Wir legen unser Gepäck auf so ein klassisches Band, das man auch vom Flughafen kennt und laufen dann durch den nächsten Scanner.

Kontrolle 5: Wir werden von Security-Mitsrbeitern an Automaten aufgeteilt, an denen wir mit unserer Buchungsnummer unser personalisiertes Zugticket ausdrucken können. Genau genommen machen wir hier die Digitalisierung rückgängig und wechseln von einem Handyticket auf ein zwingend erforderliches Stück Papier. Kann mir das jemand erklären?

Kontrolle 6: Eine Frau gleicht ab, ob der Name auf meinem Ticket auch wirklich mit dem in meinem Reisepass übereinstimmt

Kontrolle 7 und Security Check Nummer 3. Wir legen unser Gepäck zur Abwechslung nochmal auf ein Band und lassen es überprüfen. Ich frage mich, wer es zwischen Check 1, 2 und 3 trotz Sicherheitspersonal, abgesicherten Laufwegen und zusätzlicher Kamera-Überwachung schafft, etwas Verbotenes herbeizuzaubern und in seinen Koffer zu legen, aber ok. Nichts ist unmöglich.

Kontrolle 8: Um den "First Class"-Wartebereich betreten zu können, muss ich mein Ticket vorzeigen um zu verifizieren, dass ich auch wirklich die First Class gebucht habe und mich hier aufhalten darf.

Kontrolle 9: Bevor ich das Zugabteil betrete, wird an der Tür kontrolliert, ob ich tatsächlich einen Sitzplatz in genau diesem Wagon habe, denn es ist verboten, im Zug in ein anderes Abteil zu laufen

So und das wars dann aber auch.

WAAAAAAHNSINN, Leute. Wer hat sich das ausgedacht und warum?!

Amerika würde ich das durchaus zutrauen, aber ich bin ja gerade in Afrika.

Das Land, in dem du auf dem Heimweg zum Hotel von einem Nilpferd attackiert oder bei einer Radtour vom Büffel aufgespießt werden kannst, kontrolliert dich 9 Mal bevor du in einen Zug steigst. Steigst du hingegen in ein Flugzeug, könnte man wahrscheinlich problemlos eine Tüte Koks mitnehmen ohne dass es jemand merkt. Das ist irgendwie ein spannender Ansatz.

-----

Als ich nach 6 Stunden Zugfahrt in Mombasa ankomme, warten am Bahnhofausgang etwa 100 Tuktuk- und Taxifahrer wie die Hunde auf ihr Futter.

"Hello"

"Jambo"

"Hey sister"

"You need TukTuk?"

"Very cheap"

"Good price, sister"

AAARGH.

Man muss schon vorher mindestens drei Stunden meditieren, 2 Baldriantees trinken, sich eine einstündige Massage gönnen, beruhigender Klangschalenmusik lauschen und mindestens on top noch ein Lavendelbad nehmen, um dabei entspannt zu bleiben und nicht die ganze Zeit FUCK YOU zu denken.

Ich entscheide mich relativ schnell für ein Sammeltaxi, um meine Ruhe zu haben.

Kurze Zeit später sitze ich zusammen mit den anderen "Ankömmlingen" in einem weißen Bulli. Es sind ungefähr 7 Afrikaner und dann noch ein Engländer, der scheinbar bei der Bundeswehr arbeitet und für ein paar Monate nach Afrika geschickt wurde.

Wir warten ungefähr 30 Minuten bis der Bulli voll ist und fahren dann los.

Die Sonne brennt derweil auf das Bulli-Dach, auf dem unser Gepäck verstaut ist und der warme Fahrtwind weht mir ins Gesicht.

Wenige Minuten später bittet uns der Fahrer, die Fenster zu schließen um die offensichtlich nicht funktionierende Klimaanlage nochmal unter anderen Bedingungen zu testen.

Ich hab ja nichts gegen Farbige, aber eine mehrstündige Autofahrt mit schwitzenden, afrikanischen Männern ist trotzdem kein Spaß. Vielleicht könnt ihr es gerade sogar riechen ohne selbst dabei gewesen zu sein.

Umso mehr freue ich mich, als wir nach 2,5 Stunden endlich Diani erreichen und bin schon ein wenig genervt davon, dass alles so unfassbar lange gedauert hat,weil wir zwischendurch mit zig weiteren Autos auf die Fähre für die 2 minütige Überfahrt gewartet haben.

"Wo musst du hin?", fragt mich der Taxifahrer und blickt mich verwirrt an als ich "Diani Home Stays" antworte.

"Ich weiß nicht", sagt er.

Mhh. Hat er nicht gerade noch stolz erzählt, dass er JEDEN Ort in Diani kennt?

Ich schlage vor, dass er mir kurz einen Hotspot macht so dass ich die Adresse in meiner Buchungsbestätigung nachschauen kann.

Und jetzt kommt auch wieder so ein Afrika-Klassiker. 

In der Buchungsbestätigung steht einfach nur "Diani Beach Road". Das ist ungefähr so als würde ich ohne nähere Angabe sagen,dass ich in Altona wohne und dann hoffen, dass der Pizzabote an der richtigen Tür klingelt.

Ich bitte den Fahrer, die Unterkunft anzurufen da ich keine kenianische SIM-Karte habe. Er unterhält sich kurz, wirkt immer noch recht planlos und fährt dann los.

Nach insgesamt schon über 10 Stunden Reisezeit bin ich so langsam genervt, dass es ernsthaft solche Deppen gibt, die ihre Unterkunft auf Booking.com ohne Angabe ihrer Adresse inserieren und dass es dann auch noch Trottel wie mich gibt, die aus 192 inserierten Unterkünften in Diani genau diese eine adresslose Premium-Residenz buchen. Wow.

Irgendwann bin ich so genervt, dass ich mich bei einem Massagesalon absetzen lasse. Auch hier weiß niemand, wo das Hotel ist.

Ich bitte die Besitzerin des Salons, die Unterkunft nochmal anzurufen und es scheint so, als wüsste sie nun wirklich die richtige Adresse. Ich frage mich, warum mein Taxifahrer das nicht hingekriegt hat.

Die Frau überredet kurzerhand ihren Sohn mit dem Bleistift in den kräuseligen Haaren, mich mit seinem Moped für 2 € zur Unterkunft zu fahren.

Ich klettere mit meinem Rucksack 1 und Rucksack 2 auf das Moped. Jetzt bitte nicht auch noch vom Moped fallen. Das würde mir jetzt echt den Rest geben. Also klammere ich mich ganz fest an die Schultern meines Fahrers und dann gehts los. Wir fahren über die renovierungsbedürftige Straßen und biegen dann in eine Seitenstraße voller Pfützen ein, an denen wir in Schlangenlinien vorbeifahren.

Zwischendurch hält mein Fahrer immer wieder an und fragt Security-Personal von anderen Hotels, wo denn Diani Home Stays wäre.

Mit jedem Stop werde ich genervter und so ein Lavendelbad würde glaube ich jetzt auch nix mehr retten.

Nach etwa 30 Minuten Fahrt ist es 17:36 Uhr und wir haben die Unterkunft immer noch nicht gefunden. Ich überlege schon, wie lange ich den Scheiß stornieren kann. Inzwischen würde ich mein Geld lieber im indischen Ozean versenken als es der Unterkunft zu geben.

Mein Fahrer greift sein Handy und ruft die Unterkunft erneut an, um festzustellen, dass wir schon wieder in einer falschen Straße gelandet sind.

Ich schreibe in Gedanken schon mal meine 1-Stern-Googlebewertung, die ich leider niemals veröffentlichen kann, weil es die Unterkunft nicht bei Google gibt.

Und dann...dann ist er plötzlich da. Dieser Magic Moment in dem du endlich nach fast 12!! Stunden an deiner Unterkunft ankommst.

Applaus. Trommelwirbel. Raketen fliegen durch die Luft. Eine Konfettikanone explodiert. Die Menge tobt. Irgendwo vergießt jemand Freudentränen und der Moment geht in die Geschichte ein.

Wir stehen vor einem Tor, das weder den Hotelnamen noch sonstige Beschriftung trägt und ein Mitarbeiter öffnet die Tür.

"Hellooohoo Jambo", grinst mich der Mitarbeiter an. Im Hintergrund erblicke ich den menschenleeren Innenhof der Hotelanlage. Hat bestimmt bisher kein Schwein gefunden und deshalb ist hier niemand am Start.

"Hallo", antworte ich so furztrocken wie nur irgendwie möglich. 

Nix da Jambo Blabla. 

Könnt ihr eure Scheiß Unterkunft mal bei Booking vernünftig inserieren? Und auch das mit den 400 Metern zum Strand ist eine Lüge, denke ich. Das sind locker 800 m. Wie kann man sich denn da bei den Distanzen so dermaßen vermessen?

Ich mache eine kurze Denkpause. 

Und dann brennt irgendwie irgendwo in meinem Hirn eine winzig kleine Leitung jambomäßig endgültig durch.

"Ich wollte euch nur kurz persönlich sagen, dass ich meine Buchung storniere!", sage ich.

Stille.

Mein Fahrer schaut mich entgeistert und zugleich verwirrt an.

"Ähhhh...oh ok", entgegnet der Mitarbeiter und schließt verwirrt langsam das Tor ohne Widerworte zu geben.

Als das Tor wieder geschlossen ist, bekommt mein Fahrer einen Lachanfall und sein Bleistift fliegt ihm fast aus seiner Schamhaar-Frisur.

"Ja man, sage ich."

"Keinen Bock mehr auf diesen Scheiß."

----

Und jetzt sitze ich hier im Tiki-Bar-Restaurant an der Diani Beach Road.

Es ist 17:56 Uhr und ich habe gerade 4 Minuten vor Schluss noch genau rechtzeitig diese Kackbuchung storniert.

Sieg.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen