„Mama, ich habe einen Flug nach Afrika gebucht“, sage ich mit breitem Grinsen als ich einen Tag später bei meinen Eltern bin. „Oh. Wann fliegst du denn?“, erwidert Mama und schenkt mir ein Glas Wasser ein.
Das Coole ist, dass meine Spontanaktionen inzwischen nicht mehr für die meist panischen Reaktionen sorgen, die die meisten Eltern beim Gedanken daran haben, wenn ihre Kinder allein nach Afrika reisen wollen. „Ich kann dich ja nicht abhalten. Du machst ja eh, was du willst.“
SO ist es! Mama kennt mich immerhin seit 34 Jahren + 9 Monaten und weiß, dass ich nicht nur spontan, sondern auch impulsiv bin und einmal getroffene Entscheidungen nicht mehr rückgängig mache. „Du bist halt wie Papa. Der denkt auch nicht nach.“
Ich weiß nicht, ob das jetzt ein Kompliment für mich oder eine Beleidigung für Papa war. Da die beiden länger zusammen sind als ich existiere (oh wow, was für eine bahnbrechende Erkenntnis) sehe ich es mal als Kompliment, dass ich ein bisschen wie der Mann bin, den Mama freiwillig geheiratet und der mir das Spontanitäts-Erbmaterial weitergereicht hat, das mir schon den ein oder anderen Spontantrip und auch ein paar sehr gute Lebensentscheidungen beschert hat. Danke, Papa, dass du mir nur die besten Gene weitergereicht hast und ich dank dir nicht den Drang habe, meinen Urlaub für 2025 schon heute zu planen. Das macht mein Leben entspannter.
„Und was kann man da machen, Julia?“,fragt Mama während sie in der Küche etwas herumräumt. Sie räumt übrigens immer etwas herum oder weg. Als diese Aufräum-Gene verteilt wurden, war ich glaube ich leider gerade offline und meine Schwester Marieke hat zu einem späteren Zeitpunkt dann doppelt soviel davon geerbt.
Auch wenn Harri immer behauptet,ich hätte einen Putzdrang. Die Wahrheit ist,dass ich oft ans Aufräumen denke,weil ich die Ordnung nicht sonderlich lange beibehalten kann und somit auch permanent aufräumen könnte oder müsste damit ich einen spontanen Besuch empfangen kann ohne dass irgendwo mein Kram herumliegt.
"Mh?", werde ich aus meinen Gedanken gerissen.
"Das finde ich heraus, wenn ich da bin,Mama. Erstmal brauche ich ein Visum."
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Leute, ich sag euch was: Ein kenianisches Visum zu beantragen, ist echt kompliziert. Ungefähr so kompliziert, wie einen Zauberwürfel ohne Youtube-Anleitung zu lösen oder unbemerkt in ein von zwei Ridgebacks bewachtes Haus einzubrechen. Es muss ja definitiv machbar sein, weil es schon vor mir Leute geschafft haben, aber ich frage mich bei solch komplexen Beantragungsprozessen immer, wie das eigentlich die Deppen hinbekommen.
Das ist jetzt nicht despektierlich gemeint (ok, vielleicht doch), aber es gibt ja Leute, die schon bei einem leeren Parkplatz daran scheitern, frontal so einzuparken, dass ihr Wagen am Ende zwischen und nicht auf den weißen Markierungen steht. Da fragt man sich, wie sie die komplizierteren Dinge des Lebens hinbekommen oder ob die einfach genau wie ich nicht Autofahren können (das hab ich jetzt nicht selbst gesagt), sondern zusätzlich noch beim Parken verkacken.
Nee, mal ganz ehrlich: Wie bekommen die das hin? Gibt’s da online noch eine Sonderseite für Idioten oder haben die alle einen persönlichen Assistenten, der das für sie erledigt?
Ich versuche mal, euch ein Gefühl davon zu vermitteln, wie der Beantragungsprozess ist.
Es geht los mit dem Foto: Passfoto als jpg., nicht älter als 6 Monate, vor weißer Wand, Schultern und Hals gut sichtbar und dann on top noch die richtige Pixelgröße.
Hab ich nicht. Die Frage ist: Hat das jemand anders? Vor 6 Monaten war es kalt und ich wette,dass kaum jemand ein schulterfreies Foto im Top im Schnee geschossen hat. Vielleicht verstehe ich auch die Anforderungen falsch, aber in welchem Fall sind denn die Schultern verdeckt wenn nicht durch Kleidung?
Aber alles klar. Ab vor die Wohnzimmertür, Selfiemodus an und dabei darauf achten, dass keine Türklinke im Bild ist. Arm strecken und gleichzeitig etwas beugen damit es nicht zu offensichtlich wie ein Selfie wirkt. Anschließend versuchen, es wie ein richtiges Passfoto aussehen zu lassen indem ich online 4,50 € auf einer „Wir-wandeln-dein-Foto-in-ein-professionelles-Passfoto-um"-Seite ausgebe und kurze Zeit später meine Passfotos - die ja eigentlich Selfies vor der Wohnzimmertür sind - im Viererset downloaden und auf der Visum-Beantragungsseite als meine neuen Passfotos hochladen kann. Man muss nur kreativ genug sein sag ich immer. Dann schafft man es bestimmt auch, in das Haus mit den Ridgebacks unbemerkt einzudringen. Sowieso glaube ich immer zutiefst daran, für alles eine Lösung zu finden auch wenn ich mich im Prozess dann gern mal trotzdem aufrege.
Step 1: Erledigt. Jetzt die Passvorderseite und Passinnenseite hochladen und das bitte als Scan, aber der Scan soll eigentlich ein Bild sein, denn PDF kommt hier genauso wenig ins System rein wie derjenige, der den Antrag stellt.
Bevor ich jetzt Papa's PC von 1990 starte und erstmal eine Viertelstunde darauf warte bis das Ding hochgefahren ist, lade ich mir am Handy eine Scanner-App mit kostenloser Testversion runter. Ich "scanne" jetzt meinen Pass. Fake it till you make it oder so ähnlich.
Mein neu definierter Scanner ist jetzt die Kombi aus einer Tischplatte, einem weißen Blatt Papier, meinem Handy und dieser App, die ich gleich direkt wieder kündigen werde bevor der Testzeitraum endet. Das geht nämlich alles wesentlich schneller als mich jetzt mit diesem alten Rechner zu beschäftigen.
Hochgeladen und weiter geht's.
Jetzt die Frage nach der Hoteladresse am Ankunftsort. Ganzzzzz wichtig: Bitte angeben. Pflichtfeld. STERNCHEN. Dabei missachten sie völlig, dass es Menschen wie mich gibt, die sich das Hotel nicht Monate vorher buchen und im Almanstyle reisen und die einzelnen Reisetage mit einem Stundenplan inklusive Hotel durchtakten, sondern sich mit sowas erst auseinandersetzen, wenn sie gelandet sind.
Ich fühle mich diskriminiert, aber auch dafür findet sich nun eine Lösung.
Ich buche einfach während des Prozesses völlig random das erstbeste Nairobihotel, was Booking.com anzubieten hat. Kann man ja später eventuell noch stornieren, wenn es Schrott ist, aber Hauptsache die rücken das Visum raus. Ich erinnere mich an dieser Stelle an meine tollen Hotels in Indien. Schlimmer geht’s eh nicht, also was soll schon passieren.
Jetzt noch der übliche Kram mit den Reisedokumenten, ein paar Infos zu meinen bisherigen Aufenthaltsorten und nein, ich wurde noch nie verhaftet oder der Einreise verwiesen.
Gesendet.
Den Rest plane ich, wenn ich da bin. Genug Planung für heute und bis zu meinem Abreisetag in zwei Wochen.
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