Nach unserem Lunch-Stop mit schon wieder Spinat mit Zwiebeln, Reis, Gemüse und Hähnchen (uargh) formiert sich unsere neue Reisegruppe neu. Die eine Hälfte verlässt uns und die andere, zu der auch ich zähle, reist in den nächsten zwei Tagen weiter nach Nakuru und Naivasha.
Verschwunden sind die Finnländer und ihre Monsterkamera sowie die Kenianer. Also alle, die eh nicht mit uns geredet haben. Daher fällt mir dieser Abschied ähnlich leicht fällt wie der von meiner Untermieterin Malou nach der Zerstörung meiner Wohnung.
Es bleibt unsere lustige, kleine Reisetruppe aus Joana, Andreia, Simi und mir.
Neu hinzu kommt außerdem Magnus aus Deutschland, der sich gestern beim Abendessen schon zu uns gestellt hat. Magnus ist über 80 und wohnt seit 50 Jahren in Kalifornien, weil er dort zunächst ein Jobangebot bekommen und anschließend seine eigene Chemiefirma aufgebaut hat. Er sprach davon, dass er irgendeinen Doktortitel und in der Forschung gearbeitet hat. Inzwischen lebt er aber in einem Reichenviertel mit ein paar Pferden auf seiner eigenen Farm. Magnus sieht exakt so aus, wie man sich einen deutsch-kalifornischen Farmer vorstellt: Er trägt ein dunkelblau-kariertes Hemd und darüber einen Camouflage-Pulli sowie eine olivgrüne Jacke. Dazu eine von diesen beigen, kurzen Cargohosen, in deren Taschen er bestimmt ein Klappmesser, sein kariertes vollgeschnoddertes Stofftaschentuch, ein Fernglas und seine Geldbörse verstaut. Dazu dann noch weiße Sneaker mit schwarzen Socken. Und unter der grünmelierten Basecap schauen ein paar weiße Haare mit leichtem Rotstich hervor. Sein Gesicht sieht so aus als hätte er sich nie vor der kalifornischen Sonne geschützt und wenn er redet, vereinen sich die strahlend weißen Porzellan-Veneers im Oberkiefer mit seinen echten, gelblich-bräunlichen Unterkiefer-Zähnen zu einem interessanten Gesamtbild.
Magnus erklärt mir mit amerikanischem Akzent auf Deutsch, dass er ursprünglich aus Solingen kommt und jetzt jedes Jahr einmal nach Afrika reist. Nur während Corona musste er eine Reisepause einlegen. Warum er das tut, werden wir zu einem späteren Zeitpunkt noch besser verstehen.
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Gegen 16:30 Uhr kommen wir an unserer neuen Unterkunft an. Es ist schon etwas paradox, dass wir nach zwei Nächten im Zelt heute in einem Resort gelandet sind. Es gibt ein Restaurant, einen Pool, ein Spa, einen Aussichtsturm und sogar einen kleinen Fitnessraum. Das ist ungefähr so wie die Umsiedlung der Massai-Krieger in die westliche Zivilisation.
Als wir an der Rezeption stehen, erklärt uns die Mitarbeiterin, was dieses Hotel alles zu bieten hat. Irgendwie klingt sie dabei so wie eine dieser automatischen Bandansagen, wenn man irgendwo in einer Telefon-Warteschleife gelandet ist.
"Und wo ist die Bar?!", fragt Magnus. Er erklärt, dass sein "friend" später noch vorbeikommt.
Wir bringen nach der kurzen Resort-Einführung unsere Rucksäcke auf die Zimmer und treffen uns anschließend wieder am Pool. Dort versuche ich, die anderen zu überreden, mit mir ins Fitnessstudio zu kommen, denn das ist immer das, was mir beim Reisen am meisten fehlt. "Ich kann später mitkommen", sagt Simi. "Aber lass uns erstmal Kaffeetrinken!"
"Wohoo" und "Ok."
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Wir sitzen an der Bar und bestellen uns einen Kaffee. Simi wie immer mit 30 Prozent Milch, 70 Prozent Kaffee.
Ich frage Magnus, wann denn sein Kumpel endlich ankommt während ich gerade meinen Kaffee in meinen Becher gieße und dabei die Hälfte auf dem Tresen landet. "Must be here soon", erwidert er und bestellt sich sein erstes von vielen weiteren Bieren, die er heute noch trinken wird. Manchmal antwortet er mir auf Deutsch, manchmal auf Englisch und manchmal auf Denglisch.
Während wir unseren Kaffee schlürfen, wollen wir von Simi ein bisschen mehr über Indien erfahren. "Bitte erzähl uns abseits des Tigers noch mehr spektakuläre Geschichten!"
Gesagt, getan.
Simi erzählt uns, dass er mal auf dem Nachhauseweg von einer Party ein Baby aufgehoben habe, das in ein weißes Tuch eingewickelt einfach auf die Straße geworfen wurde.
Wir schauen ihn mit großen Augen an.
"Ja, kein Scherz. Indien ist crazy. Wenn du in eine Bar gehst und dich betrinkst, dann kann es dir sogar passieren,dass du am nächsten Tag mit nur einer Niere und Filmriss wieder aufwachst."
Ich muss an die Amsterdam-Story denken, die mir Marieke erzählt hat.
Zum Glück gehe ich im Ausland weder allein in eine Bar, noch betrinke ich mich.
"Und was hast du dann mit dem Baby gemacht?", will Joana wissen.
"Ich habe es zum Krankenhaus gebracht und es wurde dann ins Waisenhaus abgeschoben."
Uff.
Was es nicht alles gibt.
Die Welt ist verrückt.
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"Uff. Was es nicht alles gibt. Die Welt ist verrückt", denke ich als endlich Magnus' vermeintlicher "Freund" auftaucht.
Ich dachte ja, er trifft jetzt hier einen anderen 80-jährigen Typen, den er lange nicht gesehen hat. So habe ich es mir zumindest vorhin irgendwie vorgestellt, als er davon gesprochen hat.
Aber anders als erwartet, handelt es sich nicht um einen gleichaltrigen Mann, sondern um eine etwa 25 jährige Afrikanerin, die sich heute Nacht offenbar ein Zimmer mit ihrem ca. 55 Jahre älteren Sugardaddy teilt.
Ich muss darüber erstmal nachdenken, denn meine Illusion von einem männlichen Kumpel ist gerade wie eine kleine Seifenblase zerplatzt.
Sie könnte seine Enkeltochter sein und mir wird schon beim Gedanken daran komisch,dass er sich heute Nacht mit seinem schrumpeligen Körper an sie rankuschelt.
Ich mein: Stellt euch das mal vor! Oder...besser nicht. Mein Kopfkino hat ja mir schon gereicht.
Das erinnert mich ein bisschen an Thailand, wo man sich seine zukünftige Ehefrau einfach online aus einem Katalog aussuchen kann. Damals als ich dort unterwegs war, wurde mal ein anderer Backpacker aus meinem Hostel von einer Thailänderin gefragt, ob er Lust auf ihre 13!!! jährige Tochter hat nachdem er schon bei der 18 Jährigen dankend abgelehnt hat ("Ist sie dir zu alt? Ich hab auch noch eine andere Tochter, die 13 ist!“).
Uff.
So langsam verstehe ich, warum Magnus meinte,dass er einmal im Jahr kommt (würg...tolles Wortspiel). Ich wünsche mir für Shona, dass er heute Abend vor lauter Bier keinen mehr hochkriegt oder einfach einschläft.
Aber ok. Don't judge, Julia.
Vielleicht...ganz vielleicht....will sie ja gar nicht sein Geld, sondern ihn. Vielleicht ist das Liebe, vielleicht aber auch ein einvernehmlicher Tausch von ein bisschen mehr Wohlstand gegen Sex. Das scheint hier in Afrika doch stärker verbreitet als von mir angenommen zu sein.
Es ist befremdlich, so direkt damit konfrontiert zu werden, obwohl das ja auch in Deutschland existiert und in meinem Kopf bleibt die Frage: "Warum?"
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Am nächsten Tag sitzen wir wieder um 7 Uhr am Frühstückstisch. Wir, das sind Joana, Alex, Simi, Andreia und ich.
Magnus und seine afrikanische Perle sitzen etwas abseits an einem anderen Tisch.
Es gibt wieder Toastbrot, Ei, Instantkaffee und Früchtemarmelade ohne Früchte. Fast so als hätte man das gestrige Frühstück einfach einmal per Copy & Paste an diesen neuen Ort kopiert.
Heute geht's erst in den Nakuru Lake National Park auf Nashornsuche und dann weiter an den Naivasha-See, wo wir eine kleine Bootstour machen werden.
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