Mittwoch, 18. Oktober 2023

Von Nairobi nach Massai Mara

 Nach einer Nacht Powerworking, in der ich noch zig Mails geschrieben und Dinge organisiert habe, wache ich am nächsten Tag um 6 Uhr auf. Ich bin jetzt wirklich bereit, meinen Laptop abzugeben. Und ja, das ist für mich mindestens so ungewohnt und dramatisch wie für eine Helikoptermutti, die ihren Justus-Theodor zum ersten Mal bei den Großeltern übernachten lässt. 

Ich packe mein Baby zunächst in die graue Schutzhülle und umwickle diese dann zusätzlich mit dem dunkelblauen Handtuch, das ich mitgenommen habe. Dann gebe ich ihm noch einen Kuss auf den Desktop, verstaue ihn schweren Herzens in meinem separaten Rucksack und gebe ihn eingebettet in überflüssigen Klamotten an der Rezeption ab. "Passt bitte gut auf den kleinen Justus-Theodor auf, ok?"

Noch ein Blick in den Lagerraum, ob er auch wirklich sicher ist und dann: Tschüß mein Schatz, Mama kommt wieder."

Ich gehe zurück in mein Zimmer, packe meine restlichen Klamotten in meinen NEUEN (hab ich das schon erwähnt?!) Backpack und bereite mich zumindest mental mal auf 5 Tage Safari vor.

Nur mental, weil ich leider alles Andere vergessen habe, was so ein Profi-Safarigirl so braucht, wie ich gleich herausfinden werde.

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Ich laufe die eiserne Wendeltreppe nach oben auf die Dachterrasse, wo schon mein Frühstück auf mich wartet. Mein Frühstück, das sind zwei Scheiben Toast, zwei Eier, Wassermelone und ein Glas Saft,den ich eh nicht trinke, falls es euch interessiert (mich persönlich würde es ja nicht interessieren, was Julia so frühstückt, aber man weiß ja nie). Am Nebentisch sitzen zwei deutsche Zwillingsschwestern, die ebenfalls heute in den Nationalpark fahren. Die Safari-Girls tragen beide eine lange Leinenhose, Wanderschuhe, ein helles Leinenoberteil, eine Regenjacke und einen Hut.

Ich hingegen trage keine lange Hose, kein Leinenoberteil, keine Regenjacke und keinen Hut.

Wow.

Das erinnert mich ein bisschen daran, dass wir mal als Kinder mit Mama campen gegangen sind und die einzigen Trottel waren, die bei Kälte und strömendem Regen in kurzen Sachen im Zelt hockten während alle anderen bestens ausgestattet waren.

Damals wurden uns Sachen geliehen und ich spüre, dass das Camping-Karma auch in Afrika auf meiner Seite sein wird.

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Um 7:20 Uhr sitze ich auf dem kaputten Ledersofa an der Rezeption und warte darauf, abgeholt zu werden. Laut meiner Buchungsbestätigung, die ein zerknitterter weißer Zettel ist, müsste hier jeden Moment mein Fahrer auftauchen.

Die Tür öffnet sich. Ein Taxifahrer, der auf der Suche nach einem "Johann" ist, betritt den Eingangsbereich. 

"3 Tage Massai Mara, Nakuru und Naivasha", sagt er zu den beiden Männern an der Rezeption. Ich bin verwirrt. Meint der mich?!

"Äh, ich glaube, ich bin Johann", antworte ich und wedel mit meinem Zettel herum. "Guck mal hier. Das passt genau zu dem, was du suchst... außer dass ich eigentlich Julia und nicht Johann heiße."

Fängt ja gut an. Dann hoffen wir jetzt mal,dass ich bei der richtigen Tour gelandet bin.

"Bist du sicher?", frage ich und springe ins Auto. "Yes I am", erwidert mein Fahrer.

Na gut. Dann mal los.

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Als wir an einer Straße ankommen,an der lauter beige und ein dunkelgrüner Jeep geparkt sind, steige ich aus. "Hier ist es. Enjoy your trip", sagt der Fahrer und drückt meinen Rucksack einem Mann in die Hand.

"Hey. Ich bin dein Guide", stellt er sich vor und verstaut meinen Rucksack im dunkelgrünen Jeep, der an der rechten Straßenseite geparkt ist. Ich bin verwirrt.

Er heißt Jeff, hat einen Silberzahn, trägt einen bunten Hoodie und sieht eigentlich eher aus wie die Tourguide-Version von Busta Rhymes oder 50 Cent. Ich frage mich, ob das das ein Scherz ist und würde jetzt zu gern nochmal meinen Fahrer fragen, ob er sich immer noch sicher ist,dass ich Johann bin. 

Wo ist der Ranger mit dem beigen Overall, dem Safarihut, den schwarzen verstaubten Boots und dem Fernglas, den ich bestellt habe?

Das hier fällt in die Kategorie "Ranger bei Wish" bestellt.Vielleicht hat ihn der Hiphop-Bus ausnahmsweise mal an eine Safarifirma verliehen?

Seid ihr euch wirklich sicher,dass das hier die Safari-Tour ist?

Ich öffne die Tür, klettere in den leeren Jeep und mache es mir auf einem der 7 Sitze bequem.

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"Hey, ich bin Simi." Die Jeeptür öffnet sich einen Spalt und ein Mann mit schwarzer Brille lächelt mich an. "Soll ich dir Kaffee mitbringen?"

"Oh yes", antworte ich, denn nach Kaffee braucht man mich nicht zweimal zu fragen. "Ich kann aber auch mitkommen", erwidere ich und klettere von meinem Sitz.

"Bist du auch ein Guide?",frage ich Simi als wir die nasse Straße betreten. "Nee, ich bin Teilnehmer genau wie du", antwortet er. "Achso. Jetzt check ich das. Ich dachte, du wärst ein Tourguide."

Simi lacht: "Wie kommst du darauf?!"

Ich mein...könnte ja sein, denn 50 Cent war ja auf den ersten Blick auch nicht als Guide identifizierbar.

"Nee, ich mach die Safari", erwidert Simi und wir betreten ein Restaurant auf der gegenüberliegenden Straßenseite einer Kreuzung. Wir bestellen einen Cappuccino, einen Tee und einen schwarzen Kaffee für Jeff. Scheiß auf Kaffee. Ich will unbedingt mal diesen kenianischen Tee probieren!

Als wir 10 Minuten später immer noch auf unsere Getränke warten, nutze ich die Gelegenheit, das Personal zu zählen. 1,2,3,4..8, 12,15! Fünfzehn Personen arbeiten hier in diesem kaum besuchten Restaurant und kümmern sich gerade zu 6. um unsere Getränke-Bestellung. Ein Mann mit Kochmütze steht an der Kaffeemaschine als würde er sie nach Jahrzehnten zum ersten Mal bedienen und wird dabei von zwei Kollegen unterstützt. Eine Frau zapft an einem riesigen Thermosbehälter Tee in einen Pappbecher und eine andere Mitarbeiterin füllt genug Zucker für 20 Kaffees in selbstgefaltete Papptüten und tackert diese zu. Die Sechste tippt unsere Bestellung in die Kasse ein. Sowas habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen.

Während wir warten, plaudere ich ein wenig mit Simi. Er ist 35, kommt aus Mumbai und ist ebenfalls alleine unterwegs. Auf die Frage, was er beruflich macht, antwortet er: Ich bin eigentlich ein Architekt, aber nur ab und zu. Um Geld zu verdienen, handle ich mit Aktien, aber mein Lebenstraum und meine wahre Berufung ist Wildlife.

"Wildlife?", frage ich und denke "Hä?, was ist das denn für ein Job?"

"Yes,Wildlife", antwortet Simi.

An dieser Stelle endet unsere Unterhaltung,weil nach 15!!! Minuten endlich unser Kaffee fertig ist. Man könnte meinen, dass sie spontan die Bohnen geröstet und im Hinterhof noch eine Kuh für uns gemolken haben. Vielleicht haben sie aber auch einfach alles mit ganz viel Liebe in Slow Motion zubereitet wie die Asiaten das tun.

Wir verlassen mit 4 zugetackerten, selbstgefalteten Zuckertüten, einer roten, kleinen Einkaufstasche mit Plastikbesteck, reichlich Servietten und 3 folierten Bechern den Laden. Unsere To-Go-Becher sind komplett in Frischhaltefolie gewickelt und mit kleinen Zettelchen versehen, auf denen steht,was sich im jeweiligen Becher befindet.

Ich muss lachen.

Das wirft irgendwie genauso viele Fragen auf wie der Wildlife-Job, den ich in den nächsten Tagen definitiv noch genauer erforschen werde.

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Als endlich alle Sitze unseres Jeeps belegt sind, fahren wir los. Wir, das sind: Zwei schüchterne Finnländer namens Alexey und Eve, die beide so gekleidet sind wie man sich die typischen Safari-Teilnehmer vorstellt (beige Hose, weißes Leinenhemd und so ein typischer Safari-Hut, den man mit einer schwarzen Schnur unter dem Kinn befestigt). Zwei portugiesische Ärzte (Andrea und Joanna), die sich vor der Reise im Gegensatz zu mir nicht nur eine ordentliche Malaria-Prophylaxe, sondern auch ein paar Impfungen und reichlich Mückenspray gegönnt haben. Simi, der Wildlife-Fan, der mit seiner dunklen RayBan Sonnenbrille und der schwarzen Jacke mit den bunten Akzenten ein bisschen aussieht wie ein indischer Zuhälter und dann noch Olaoluwa aus Nigerien, der jetzt in London lebt und Catherine aus Kenia. Und natürlich ich, die Deutsche ohne Safarai-Ausrüstung.

Im Laufe der Tour werde ich euch sicherlich eine gute Liste erstellen können, falls ihr auch mal auf Safari geht und bestens vorbereitet sein möchtet. Bis jetzt möchte ich für euch und meine Zukunft festhalten:

- Sonnenbrille 

- Mückenschutz 

- Malaria-Prophylaxe 

- Safari-Hut 

- Leinenhemd 

- lange Hose

- Wanderschuhe

- Regenjacke 


Wie gut, dass ich davon wenigstens eine Sache - und zwar die Regenjacke - dabei habe und es gerade nicht regnet. 

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Ich schaue rechts aus dem klappernden Fenster und beobachte, wie Büsche, Blechhütten und Felsen an uns vorbeirauschen. Die Landschaft besteht aus rötlichem Sand und relativ flachen Pflanzen in gedämpften Grüntönen. Dazwischen ab und zu auch Bäume auf dem sandig-steinigen Untergrund. Am Straßenrand spazieren gelegentlich Menschen mit roten Umhängen, die eine klingelnde Schaf- oder Kuhherde antreiben und ab und zu winkt uns ein Kind.

Die halbwegs vernünftige Straße hat sich relativ schnell in das verwandelt, was wir bei uns gut als BMX-Bahn gebrauchen könnten. Ich hüpfe auf meinem knartschenden Sitz auf und ab und frage mich, wann wir wohl ankommen. Zum Glück hat unser Jeep Vierradantrieb.

Nach etwa 6 Stunden Fahrt kommen wir in unserem Camp irgendwo im Nirgendwo an. 

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"Welcome", sagt ein Mann mit rotkariertem Umhang als wir aussteigen. Er erklärt uns,dass wir jetzt erstmal essen und anschließend in unsere Zelte "einchecken" können.

Als wir mit Reis und Linsen am Tisch sitzen, gibt uns eine Frau einen Überblick über die wichtigsten Gegebenheiten des Camps.

"Von 6:30 bis 10 Uhr abends und von 5:30 Uhr bis 7 Uhr morgens ist unser Generator an. Dann gibt es Licht und ihr könnt hier die Steckdosen benutzen. Es gibt in der Zeit auch warmes Wasser, wenn ihr ein bisschen wartet. Wenn euch der Service gefällt, ist hier unsere Trinkgeldbox.

Sie deutet auf eine hölzerne "Tip Box", die rechts an der Wand angebracht ist.

Einführung. Ende.

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Ein schmächtiger Mann hievt meinen Backpack auf seine schmalen Schultern und läuft mit mir über einen Steinweg zu meinem Zelt. Mein Zelt trägt die Aufschrift "Mt. Tyree und hat etwa die zweifache Größe eines dieser weißen Party-Pavillons, die man oft auf Festivals sieht. Es ist dunkelgrün und wurde auf einer Beton-Plattform mit drei Stufen und kleiner Terrasse errichtet.

Der Mitarbeiter bückt sich und öffnet den dicken Reißverschluss. Anschließend befestigt er eine Seite des Eingangs leicht aufgerollt mit einem Metallhaken an der linken Seite.

"Hier ist dein Bett", sagt er und deutet auf eines der zwei hölzernen Betten mit der bunten Decke über welchem ein Fliegengitter von der Decke baumelt.

"Und hier ist dein Badezimmer", fährt er fort und öffnet die hintere Zelttür.

Das Zelt grenzt an einen Waschraum aus Beton, der mit kaputten blauen Fliesen verkleidet ist. Aus dem rostigen Wasserhahn tropft Wasser. An der linken Seite ein Klo mit einem offenen Spülkasten, das aussieht wie ein Recyclingobjekt vom Schrotthaufen. Rechts eine Dusche aus grünen Plastikrohren, welche durch rostige Verbindungsstücke miteinander verknüpft sind. Dahinter vergilbte Fliesen.

"Ok, thank you", sage ich und lege meinen Rucksack auf das zweite Bett. 

Der Mann verlässt das Zelt.

Als ich die Vorhänge vor den mit Fliegengittern bestückten Fenstern entrolle, springt mir ein Baby-Gecko entgegen. Ich werde einen Schreck bekommen,wenn der im Dunkeln auf meinem Gesicht landet oder diese typischen Schluckauf-Geräusche macht,die ich von den indonesischen Geckos kenne. 

Trotzdem würde ich so ein Zelt auch weiterhin einem 5-Sterne-Hotel vorziehen und Komfort jederzeit gegen das Abenteuer eintauschen, das so ein Zelt irgendwo im Nirgendwo bietet.








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