Mittwoch, 15. August 2018

1.8.2018

Inzwischen sind 10 Tage vergangen und ich kann wieder schreiben.Wahrscheinlich fragt ihr euch immer noch, warum ich das hier freiwillig gemacht habe. Und vor allem, was das Ganze bringen soll. Deswegen versuche ich jetzt,euch einen kleinen Einblick in 10 Tage Vipassana-Meditation zu geben und dabei so genau wie möglich zu beschreiben, was in den Tagen eigentlich passiert ist. Im Meditationszentrum, in meinem Körper und vor allem in meinem Kopf. Auch wenn es sich irgendwie schwer in Worte fassen lässt. Und auch, wenn meine Erfahrung natürlich nur das ist, was ich gedacht und gespürt habe und nicht stellvertretend für das stehen kann, was diese 10 Tage für jemand anderen sind. Was ich aber vorwegnehmen möchte, ist, dass am Ende niemand, der die 10 Tage durchgezogen hat, bereut hat, es getan zu haben.

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1.08.2018

Nach einem Chai-Tee und indischem Curry sitze ich im Speisesaal auf einem Plastikstuhl inmitten von 41 Frauen auf der linken Seite des Raumes. Auf der anderen Seite 63 Männer. Wir lauschen gespannt einem älteren Mann in weißem Hemd, der die Grundregeln für die nächsten Tage erklärt: Noble Silence (nicht sprechen außer mit den Meditationshelfern falls es ernste Probleme gibt), um 4 Uhr aufstehen, den Zeitplan strikt einhalten und -falls noch nicht geschehen- alle Wertsachen abgeben. Kein Buch, keine Musik, kein Notizblock. "Seid ihr sicher, dass ihr bereit seid, all das einzuhalten?", fragt der Mann. "Falls nicht, dann habt ihr nun noch die Gelegenheit, zu gehen. Andernfalls beginnt jetzt die Noble Silence und wir starten in der Meditationshalle. Bitte geht zur Halle nachdem ich euren Namen aufgerufen und euren Sitzplatz in der Halle zugeteilt habe. Euer Sitzplatz bleibt euer Platz bis zum Ende der 10 Tage. Bitte setzt euch nicht woanders hin. Ich wünsche euch eine erfolgreiche Zeit!"

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Ich ziehe meine Flipflops aus und stelle sie zusammen mit meiner Wasserflasche auf das Regal vor dem Eingang der "Dhamma Hall". Dann betrete ich durch 2 Schwingtüren und einen grauen Vorhang die achteckige Halle. Auf der linken Seite blaue Sitzkissen für die Männer, auf der rechten Seite beige für die Frauen. Getrennt durch einen blauen Teppich, der am äußeren Rand der Halle verläuft und in der Mitte ein Kreuz bildet so dass 2 Gänge die Halle in 4 Bereiche teilt. Ich schaue auf meinen Zettel. E05. Ein Platz am äußeren rechten Rand direkt an der Tür. Die erste Reihe des hinteren Quadrates so dass vor mir direkt der Gang ist. Ein guter Platz. Rechts von mir sitzt niemand und vor mir auch nicht so dass ich deutlich mehr Platz habe als diejenigen, die in der Mitte sitzen. Und außerdem ein Platz direkt am Ausgang so dass ich mich nahezu geräuschlos rausschleichen kann für eine Toilettenpause. Denn das ist (abseits der 3 einstündigen Gruppenmeditationen) erlaubt.

Ich setze mich hin und schließe die Augen. Und konzentriere mich auf die Tonbandanweisungen aus dem Lautsprecher hinter mir, die zunächst in Hindi, dann in Englisch genannt werden: "Im ersten Schritt geht es nur darum, die Atmung zu beobachten. Achte darauf, wie die Luft raus- und reinströmt. Versuche nicht, die Atmung zu beeinflussen oder zu kontrollieren. Wenn sie tief ist, ist sie tief. Wenn sie flach ist, ist sie flach. Achte nur auf deine Nase. Auf die Nasenlöcher und die Innenseite. Wie die Luft rein- und rausströmt.

Einatmen. Ausatmen. Einatmen

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"If you don't have any questions, then please take rest", sagt unser Lehrer eine Stunde später. Ich stehe auf und mache mich im Dunkeln im Laternenlicht auf den Weg Richtung F19. Ich habe keine Ahnung, wie oft ich in dieser einen Stunde meine Sitzposition geändert habe. Und ich habe auch keine Ahnung, warum alle außer mir so entspannt im Schneidersitz sitzen können. Jede Position war irgendwie unbequem und ich habe es vor lauter Herumrutschen und Position-Ändern auf meinem Kissen kaum geschafft, mich länger als 5 Minuten auf meine Atmung zu konzentrieren. Gedacht habe ich dabei nichts Besonderes außer "Aua", "Ruhig weiteratmen, Julia", "Aua" und "Ach du scheiße, das ist gerade mal die erste von insgesamt 105 Stunden Meditation bis zum 12.08. Wie willst du das bloß überleben?!".

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Ich mache das Licht aus und krieche durch den Schlitz, der durch Magnete verbunden ist, unter mein Moskitonetz. Dann stelle ich meinen Funkwecker auf 4 Uhr. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt bei 32 Grad in einem so kleinen Raum versucht habe, zu schlafen. Unter einem Moskitonetz neben einem Fenster,an dessen Innenscheibe 2 kleine pastellgrüne Geckos kleben. In einem Bett, das maximal 1,80 Meter lang und ein bisschen zu kurz für mich ist. Ich schließe meine Augen. Der Ventilator an der Decke lässt die wüstenähnliche Luft sanft durch das Moskitonetz in mein Gesicht strömen. Mein T-Shirt ist bereits nassgeschwitzt. Ich drehe mich auf die Seite und drücke mein Gesicht in das platte Baumwollkissen mit dem vergilbten Bezug.


Julia, du bist jetzt hier. Du wolltest es so. Und du ziehst das jetzt durch.

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