Als um 4 Uhr mein Wecker klingelt, wache ich in einem komplett nassen Top auf. Ich fühle mich als hätte ich Fieber, aber es ist einfach nur verdammt heiß. Mama's Funkwecker sagt, es sind 31 Grad. Ich sage, ich bin gerade um eine unmenschliche Uhrzeit in der Biosauna aufgewacht. Herzlichen Glückwunsch, Julia. Das wird jetzt zehn Tage lang deine Zeit. Also gewöhn' dich dran!
Ich scheine mit der Taschenlampe auf mein Moskitonetz und klettere aus dem Bett. Dann ziehe ich mein nasses Schlafoutfit aus und gehe ins Badezimmer. Ich hocke mich vor den oberschenkelhohen Wasserhahn und versuche, mich zu waschen. Denn Duschen wäre jetzt das falsche Wort. Meine Dusche sind nämlich die 2 großen pinken und der kleine rote Plastikeimer, den ich in meiner Hand halte und über meinem Rücken auskippe während ich mich mit Duschgel einreibe. Man könnte sagen, dass die Bezeichnung "Ich bin voll im Eimer" heute mal in zweierlei Hinsicht zutrifft.
Nachdem mich die Meditationshelferin mit ihrer Glocke und einem DINGDINGDING aus der Wohnung scheucht, bin ich um 4:20 Uhr mit meiner Wasserflasche auf dem Weg zur Meditationshalle. Im Dunkeln mit meiner Taschenlampe. Bereit für Atemsession Nummer eins von 4:30 bis 6:30 Uhr.
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Ich muss sagen, dass die zwei Stunden verdammt schnell rumgingen. Obwohl ich nichts anderes gemacht habe, außer meinen Atem zu beobachten und zwischendurch meine Sitzposition zu ändern. Als ich die Halle beim Ertönen des GONG um 6:30 Uhr verlasse, bin ich ein bisschen stolz auf mich und muss grinsen. Ich dachte ja, dass ich schon heute morgen erfolgreich die nächsten zwei Jahre meines Lebens plane und die Umdrehungen der 13 Ventilatoren an der Hallendecke zähle, aber ich habe mich wirklich nur auf meine Atmung konzentriert.
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1 überdimensionaler Metallteller, 2 kleine Schälchen und 1 Becher. Toast mit Marmelade, gebackene Kichererbsen, Getreideschleim, Früchte und Tee. Besser als erwartet. Nur komisch, dass ich im Speisesaal auf dem Platz F19 sitze und beim Essen die Wand anstarre. Genauso wie alle anderen, die an der Marmorplatte sitzen, die sich an der Wand des Speisesaals entlangzieht. Kein "Guten Appetit" und kein Blick nach links oder rechts.Auch beim Abwaschen unseres Geschirrs behandeln wir uns gegenseitig wie Luft. Und da ich durch einen Aufkleber weiß, in welches Regalfach ich meine Sachen stellen muss, gibt es auch keine Fragen.
Weiter geht es mit 3 Stunden Morgenmeditation, bei der ich mir wieder mindestens genauso viele Gedanken über meine Nase mache wie Michael Jackson. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. Eigentlich relativ easy, wenn mich nicht mein Rücken die ganze Zeit mit einem "Hey Julia, hier bin ich. Bitte beachte mich" vom Atmen ablenken würde. Nach zwei Stunden sitze ich deshalb völlig gekrümmt auf meinem beigen Kissen und lege meinen Kopf vor Schmerzen auf den Knien ab. Warum zum Teufel tut das so unfassbar weh? Und wie bitteschön soll ich das die restlichen 6,5 Stunden aushalten?
Die Meditationshelferin rüttelt an meinen Beinen und ermahnt mich, gerade zu sitzen, weil sie denkt, ich wäre eingeschlafen. Ich richte mich auf. Hallohoho. Ich bin nicht eingeschlafen. Ich krepiere.
Aber sagen kann ich ihr das ohnehin nicht.
Nach dem Mittagessen und einer einstündigen Pause folgt Session Nummer 3. Vier Stunden Meditation am Stück. VIER Stunden. Das ist ein halber Arbeitstag. Und es gibt keine andere Aufgabe als den Atem zu beobachten wie ein Rettungssanitäter beim Eintreffen an der Unfallstelle. Ich habe immer noch keine optimale Sitzposition gefunden und mir wird so langsam schlecht vor Rückenschmerzen. Ich öffne zwischendurch die Augen und vergesse, dass es eigentlich um meine Nase geht. Vor mir 17 Frauen, die wie Buddha dasitzen. Und ich dahinter wie ein zusammengefallener Kartoffelsack. Wie ein Orang-Utan, der gerade seine Zehennägel begutachtet. Bloß nicht neidisch werden, Quasimodo.
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"Holy shit, ich habe es überlebt", denke ich als ich nach der Teezeit und einer weiteren Stunde in einer anderen kleinen Meditationshalle für das abendliche Informationsvideo sitze. Ich starre auf den Röhrenfernseher, den soeben ein Mann mit hellblauem Gewand für uns angeschaltet hat.
10-Tage Vipassana-Kurs. Tag 1.
"Wir sind Sklaven unserer eigenen Verhaltensweisen", erklärt "Guru Ji" in Englisch mit indischem Akzent. Deswegen wehren wir uns gegen alles Ungewohnte. Wir bewerten, was passiert und reagieren auf alles Negative mit Ablehnung und auf alles Positive mit Verlangen. Wir müssen damit aufhören, um wirklich frei zu werden."
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Ich verstehe nicht so wirklich, was das jetzt bedeuten soll. Aber als ich nach der letzten halben Stunde mit meiner Taschenlampe zurück zu meinem Schlafplatz gehe, bin ich stolz auf mich.
Lieber Rücken, ich werde die Sklavenbefreiung einleiten. Ob du es willst oder nicht.
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