Ein Schneemann, der schmilzt. Softeis, das langsam aus einer Maschine kommt. Wasser, das mit einem Strudel im Ausguss verschwindet. Wasser, dass in der Waschanlage auf das Autodach prasselt . Warmer Regen. Ein Geschirrspültab, wo sich der innere Ball löst und explodiert.
Ich weiß nicht, ob ich noch im Halbschlaf bin oder gerade träume. Auf jeden Fall habe ich noch nie so eine Aneinanderreihung von nicht zusammenpassenden komischen Gedankenfetzen gehabt, die völlig aus dem Nichts in meinen Kopf schießen. Ich sitze mit seitlich angewinkelten Beinen um 5 Uhr morgens auf meinem Meditationskissen und halte mich selbst für etwas bekloppt. Irgendwie kann ich keinen klaren Gedanken fassen. Immer wieder ploppen seltsame Gedanken auf während ich versuche, mich auf meine Atmung zu konzentrieren und meine Nase zu beobachten.
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Tag 2 von 10 und ein Tagesplan, der exakt Tag 1 gleicht. Mit Meditationseinheiten, die extrem schnell vorbeigehen und in denen ich superentspannt bin und anderen, in denen ich das Gefühl habe, dass entweder mein Rücken oder mein Bein gleich abstirbt. Einheiten, in denen ich extrem konzentriert bin oder andere, in denen ich vor lauter Schmerz nicht einmal 1 Minute am Stück auf meine Nase achten kann.
Auf jeden Fall verstehe ich irgendwann, was es mit dem Inhalt der ersten Videolektion auf sich hat: Wir sind so sehr Sklaven unseres regulären Verhaltens, dass der Körper sich gegen alles Ungewohnte wehrt. Und da ich sonst keine 10 Minuten still sitzen kann, ist es kein Wunder, dass ich jetzt leide. "OP bei vollem Bewusstsein", haben sie es genannt. Denn es geht um eine Verhaltensänderung. Und wenn ich den Inhalt richtig begriffen habe, werde ich in 8 Tagen "Master meiner Gedanken" sein und Schmerzen nicht mehr als negativ sondern als neutral empfinden und den Schmerz "steuern" können. Klingt irgendwie noch alles ein wenig abgefahren.
Vipassana ist keine Hirnwäsche oder Ähnliches. Es hat auch nichts mit einer Religion o.Ä. zu tun. Bei Vipassana geht es um nichts anderes als um Beobachtung. Beobachtung, was mit dem Körper passiert, wenn äußere Dinge, die im Leben passieren, erst Emotionen und dadurch im zweiten Schritt körperliche Reaktionen auslösen. Die ersten 2 Tage geht es deswegen nur darum, die Atmung zu beobachten. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, was überhaupt beobachten bedeutet und wie viel Konzentration es erfordert. Zu beobachten, wie die Atmung ist ohne die Atmung aktiv zu steuern. Und die Erklärung ist eigenlich ganz simpel: Die Atmung verändert sich je nachdem was wir fühlen. Wenn wir zum Beispiel etwas Negatives erleben, ist die Atmung ganz anders als bei Freude.
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An Tag 3 merke ich, wie die Schmerzen deutlich weniger werden. Ich wechsle nicht mehr ständig die Sitzposition und bin nicht mehr so unruhig. Mein Körper hat sich inzwischen ein bisschen an das Meditieren gewöhnt. Auch wenn es nach wie vor völlig unvorstellbar ist, dass es jeden Tag 10,5 Stunden sind.
Als ich um 1 Uhr nach der Mittagspause wieder auf meinem Kissen sitze, bekommen wir neue Anweisungen: "Beobachte deine Atmung UND beobachte zusätzlich, welche Empfindungen du in dem Dreieck von deiner Nase bis zur Oberlippe hast. Es geht nur um Beobachtung ohne Bewertung. Egal ob Kribbeln, Hitze, Kälte, Jucken, Pochen, Pieksen. Alles ist eine Empfindung. Versuche nicht, die Atmung zu beeinflussen. Beobachte konzentriert, konstant und mit starkem Willen."
Nach einer halben Stunde sitze ich extrem konzentriert auf meinem Kissen und achte darauf, wie die Luft in meine Nase raus- und wieder reinströmt. Und mir fällt auf, dass die herausströmende Luft viel wärmer ist als die Luft, die ich einatme. Atmen ist irgendwie so etwas Selbstverständliches, dass mir sowas Logisches nie aufgefallen ist. Und ich hätte nicht gedacht, dass es so anstrengend ist, darauf zu achten und das zu spüren. Eigentlich dachte ich ja, dass ich hier stundenlang über mein Leben nachdenken würde, aber dafür habe ich vor lauter Atmen gar keine Zeit. Nach einer Weile spüre ich unterschiedliche Gefühle im Dreieck um die Nase: Hitze, Jucken und zeitweise ein extrem angenehmes Kribbeln, was in den ganzen Körper ausstrahlt und Gänsehaut auslöst und dann wieder verschwindet. Mir fällt auf, dass sich die Gefühle fast im Minutentakt ändern und selbst so ein lästiges Jucken auch ohne sich zu kratzen schnell von selbst wieder verschwindet wenn man einfach gar nichts macht.
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Vipassana-Meditation, Lektion von Tag 3: Alles ist vergänglich. Jedes Gefühl, jeder Moment. Wir neigen dazu, sofort auf alles zu reagieren. Auf Dinge, die sich gut anfühlen, mit Verlangen und auf negative Gefühle mit Ablehnung. Daraus entsteht Negativität, weil wir etwas nicht bekommen / es vorübergeht oder wir es ablehnen, weil es sich schlecht anfühlt. Wenn wir die Dinge so sehen, wie sie sind -nämlich vergänglich- erst dann können wir wirklich glücklich werden. Weil wir uns nicht mehr emotional von dem abhängig machen, was außen passiert und wir ohnehin nicht alles beinflussen können. Denn was wir bei negativen Dingen tun, ist, dass wir die Schmerzen multiplizieren indem wir sie zusätzlich zu einem mentalen Problem machen anstatt sie hinzunehmen mit dem Wissen, dass sie definitiv vergänglich sind. Aber auch, dass wir positive Dinge so auf einen Thron stellen, dass wir in ein emotionales Loch fallen, wenn sie vorübergehen und nicht mehr da sind. Ziel ist also, dass wir -egal ob etwas Gutes oder Schlechtes passiert- ein Bewusstsein über die Vergänglichkeit haben, gleichmütig reagieren und die Momente leben statt gedanklich negativ in der Vergangenheit oder Zukunft zu hängen. Und dass wir keine Negativität durch Verlangen (craving) oder Ablehnung (aversion) erzeugen.
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Und was hat das nun mit der Meditation zu tun? Die Meditation/Beobachtung hilft, zu verstehen, dass alles im Leben vergänglich ist. Jedes gute und jedes schlechte Gefühl. Bedeutet aber auch, dass ich diese Kackschmerzen in meinem Körper selbst steuern und lindern kann, wenn ich mich nicht mehr über sie aufrege.
Das teste ich morgen.
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