Als ich am nächsten Morgen aufwache, vergesse ich fast, mir Schuhe anzuziehen bevor ich den Boden betrete. Knapp am Fußpilz vorbeigeschrammt, steige ich aus dem Bett. Dieses Mal tatsächlich in meinen Schlafsachen, weil ich es für unnötig gehalten habe, mich in so einem Drecksloch überhaupt umzuziehen. Ich weiß jetzt übrigens, warum es hier überall so staubig ist und sich darüber keiner Gedanken macht: They don't KEHR. Hahahaha.
Ich sitze am Empfang (ein kleiner Glaskasten neben einer Garage) auf einem abgenutzten Ledersofa. Räucherstäbchenduft zieht durch den Kasten, der wie eine riesige dreckige Scheibe aussieht und die Fische im Glas perfektionieren gerade ihre Kreise. Und was mache ich nun? Ich muss am 1. im Meditationszentrum in Sohna sein und habe noch einen freien Tag. 1,5 Stunden Fahrt bis Sohna.
Ich schaue durch die verschmierte Scheibe auf den matschigen Weg. Sieht aus, als würde dieses Ding mitten auf einem Acker stehen. Was für ein majestätischer Eingang zu diesem süßen Palast! Immer wieder fahren Mopeds an der Scheibe vorbei und Autos quetschen sich durch den engen Gang.
------------------------
Um 11:45 Uhr laufe ich meinem Uber-Fahrer Sunil entgegen. Ich habe beschlossen, einfach ein Hotel in der Nähe von Sohna zu buchen. Dann bin ich schon einen Tag vorher in der Nähe des Meditationszentrums und kann mich gedanklich etwas auf die kommenden Tage einstellen. Uber ist übrigens eine gute Empfehlung für alle, die keine Lust auf teure Taxis und lästige Verhandlungen haben. Du buchst per App, der Preis ist immer niedrig und fix und du kannst dir relativ sicher sein, dass der Fahrer in Ordnung ist, wenn bereits 7.632 Menschen mit ihm gefahren sind. Funktioniert allerdings nicht überall. Auf den Philippinen kann man in ziemliche Schwierigkeiten mit den lokalen Fahrern geraten, wenn sie sehen, dass man in ein gebuchtes Taxi einsteigt.
----------------------
Ich blicke durch das mit Wasserflecken übersäte Fenster auf die Straße. Hupende Autos, Tuktuks, Mofas und Trecker. Die Stadt rauscht an meinem Fenster vorbei wie ein Dokumentarfilm über nicht fertiggestellte Gebäude. Überall Bauschutt, Sand, Ziegelsteine, Tonstücke, Staub und Müll. Dagegen ist der Flughafen in Berlin nichts. Es sieht aus als hätte jemand angefangen, ein Gebäude zu bauen und dann keine Lust mehr gehabt und direkt das nächste daneben gesetzt. Wie ein Legohaus, das ich als Kind gebaut habe NACHDEM mein Bruder mit Anlauf alles umgetreten hat. Keine Bezeichnung passt zur Nutzung des Gebäudes. Ein "Sketchers"-Markenlogo über einer Autowerkstatt, ein "Subway"-Schriftzug über einem Lebensmittelshop. Überall rissige Wände, zerbröckelte Fassaden und Löcher. An den Straßenrändern Pritschen aus Bambus mit schlafenden Menschen. 5 Meter weiter Frauen vor Tongefäßen, die sie zum Verkauf anbieten. Daneben kleine provisorisch gebaute Stände mit Fertiggerichten, Tütensuppe und Kaugummis in bunten Plastikverpackungen. Als wir über 4 kleine Hügel in der Straße fahren und im Stau stehen, nutzt ein Junge die Gelegenheit, um sich mit einer Platte Kokosnussfleisch durch die hupenden Autos zu schlängeln. Delhi ist die reinste Baustelle. Es sieht aus als wäre jemand mit einer Abrissbirne einmal durch die ganze Stadt gefahren.
------------------------------
Um 13:20 erreichen wir das kleine Dorf nemens Sohna und ich habe keine Ahnung, wo mein Hotel ist. GoogleMaps findet es nicht und Sunil hat auch keinen blassen Schimmer (das kann man angesichts seiner Hautfarbe sogar tatsächlich mal worwörtlich nehmen). Wir fahren die von Bäumen eingerahmte Straße ein paar Mal hoch und runter. "Irgendwo hier muss es sein!", sage ich zu Sunil und bitte ihn, mich rauszulassen. Irgendwie werde ich das Hotel schon finden. Ich laufe jetzt einfach.
Ich sitze in einem kleinen Shop auf einer Holzbank neben leeren Glasflaschen, Mehlsäcken und bunten Kekspackungen. Warum zum Teufel ist denn dieses bescheuerte Hotel nirgendwo zu finden? "Weißt du, wo das Boutique Resort ist?", frage ich den Verkäufer mit dem gestreiften Shirt, der mir erlaubt hat, sein Internet zu nutzen. "8 km from here I guess", antwortet er und fügt ein "You need taxi??" hinzu. Nö, ich brauch kein Taxi. Aber ich nehme eine Cola und eine Flasche Wasser.
Ich sitze noch ein wenig zwischen den Kartons und trinke meine Cola. Dann schnalle ich mir meinen Rucksack auf den Rücken und stapfe mit der Wasserflasche in der Hand los. Vorbei an Männern, die am Straßenrand sitzen und mich anschauen als wäre gerade Beyoncé höchstpersönlich eingereist um ihnen in diesem kleinen Dorf ein Konzert zu geben. Ich habe aber auch wirklich keine Ahnung, wo die ganzen Frauen sind.
"Komm, ich fahr dich ein paar Meter", sagt ein Taxifahrer und öffnet das Fenster. "Ich fahr eh in die Richtung." Ich überlege kurz, wie seriös das Ganze ist, erblicke dann einen Fahrerausweis auf der Ablage und hüpfe auf den Sitz.
"Lass mich einfach hier raus. Ich frag' da einfach mal", schlage ich vor, als wir ein Hotel names d'AMORE erreichen.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen