Mittwoch, 22. August 2018

Endspurt

Ich fange zum ersten Mal seitdem ich hier bin an, ein bisschen über meine Zukunft und das Leben allgemein nachzudenken. Ich habe ja gesagt, dass ich vor lauter Konzentration bisher gar nicht dazu gekommen bin. Ziemlich paradox, wenn man dazu vor lauter „Nichtstun“ keine Zeit hat, aber es ist wirklich so. In den letzten Tagen zieht sich die Zeit oft wie Kaugummi. Manchmal schaue ich auf die Uhr und habe das Gefühl, hier schon ewig zu sitzen. Und dann stelle ich fest, dass gerade einmal 10 Minuten vergangen sind und ich ja noch 3 Stunden und 50 Minuten bis zur nächsten Pause vor mir habe. Gleichzeitig sitze ich jeden Abend vor dem Fernseher und habe den Eindruck, dass die 9 Tage bisher einfach extrem schnell vergangen sind und ich gefühlt erst seit gestern hier bin. Mein Zeitgefühl ist irgendwie komisch.

Nur noch dieser eine Tag bis ich morgen Mittag sprechen und die Menschen kennen lernen darf, die mit mir schon 9,5 Tage in derselben Halle sitzen. Denen ich morgens nie einen Guten Morgen wünsche und abends keine Gute Nacht. Die mit mir im Speisesaal genau wie ich mit dem Blick zur Wand essen, auf den Boden schauen, wenn ich an ihnen vorbeilaufe und abends kommentarlos mit mir diesen Kurzfilm schauen. Ich bin total gespannt darauf, wie die das alles empfunden haben und was das eigentlich für Menschen sind.

-----------------------------------------------------------

Tag 10

Ich sitze in der Meditationshalle und kann mich einfach nicht konzentrieren. Es ist 4:30 Uhr und nach meinem Traum sitze ich jetzt hier und denke abwechselnd an Karamelleis, Erdnussbutter, Keksschokolade und Gummibärchen. Statt mich auf die Reaktionen in meinem Körper zu fokussieren, würde ich jetzt gerne mit einem McFlurry mit Smarties hier sitzen statt zu meditieren.

Es kann ja nicht schaden, einfach doch nochmal in die Pagoda Cell zu wechseln, denke ich mir nach einiger Zeit mit Gedanken an Softeis und Schokolade . Könnte ja sein, dass ich mich einfach besser konzentrieren kann, wenn ich allein in dieser Zelle sitze und mich nichts ablenken kann. Ich stehe ruhig auf, schleiche zur Tür und schnappe mir meine Flipflops. Dann mache ich mich im Dunkeln auf den Weg in die Zelle.

15 Minuten später sitze ich mit dem Rücken an der Wand auf meinem Kissen. Draußen klatscht der Regen auf das Dach der Pagoda Cell. Im Minutentakt lausche ich in der Ferne Blitzen und anschließend dem Donner, der durch die Zelle hallt. Ich bin die Einzige an diesem Ort während alle anderen noch in der großen Halle sitzen. Mir wird etwas mulmig zumute als plötzlich das Licht ausgeht. Der Regen ist so stark, dass gerade in meiner kleinen Zelle der Strom ausgefallen ist und ich jetzt hier allein auf dem Betonboden im Dunkeln sitze.

Einatmen, Ausatmen, Einatmen. Auch DAS geht vorüber, Julia.

----------------------------------

Ich bin froh als ich um 6:30 Uhr vor Haferschleim, Tee mit Milch und Kichererbsen wieder im hellen Speisesaal sitze. Man hängt sich manchmal so an einem einzelnen Moment auf, aber irgendwie geht ja wirklich alles vorüber. Auch Meditationseinheiten in einer dunklen Zelle, bei denen man am liebsten schreiend weglaufen würde wenn da draußen nicht der Regen und das Gewitter wären.

---------------------------------

Als ich nach dem Frühstück wieder in der Meditationshalle sitze, habe ich nach der Erfahrung in der Zelle die beste Meditation seitdem ich hier bin. Ich bin mir plötzlich darüber bewusst, dass das hier nach 10 Tagen die letzten Einheiten sind bevor ich wieder sprechen darf und bin extrem motiviert, mich noch einmal so gut wie möglich zu konzentrieren. Es ist 9 Uhr und ich stecke nochmal meine vollste Konzentration in die letzte Meditationseinheit.

Nach einiger Zeit fängt mein Kopf an, zu kribbeln. Dann beide Arme, mein Gesicht und irgendwann mein ganzer Körper. Ein Gefühl wie ein angenehmer Stromschlag geht ununterbrochen durch meinen Körper. Ich habe überall Gänsehaut. Es fühlt sich an, als würde ich mit jedem Atemzug Glückshormone einatmen, die sich beim Ausatmen gleichmäßig in meinem ganzen Körper verteilen. Ich grinse und kann es kaum glauben, dass sowas funktioniert. Habe Thomas vor einem Jahr für einen absoluten Spinner erklärt als er mir vom FLOW-Gefühl erzählt hat.

Und nun sitze ich hier und bin plötzlich so happy, dass ich am liebsten vor lauter Glücksgefühlen diese ganzen Menschen hier in der Halle umarmen würde, obwohl ich sie eigentlich noch gar nicht kenne.

------------------------------


“How was it?“, fragt mich die Koreanerin Xiu, die seit Tag 5 neben mir wohnt und bereits zum 3. Mal Vipassana macht. Wir stehen nach dem Mittagessen vor dem Eingang meiner Wohnung. Diese persönliche Frage ist die erste, die ich seit meiner Ankunft im Meditationszentrum von jemandem höre. Ich merke, wie ich plötzlich einen Kloß im Hals habe. Weil ich begreife, dass 10 Tage vorbei sind und ich tatsächlich 10 Tage durchgehalten habe. Ich bin so überwältigt von dem Gefühl, dass mir plötzlich Tränen in die Augen schießen und ich lachend und weinend zugleich vor meinem Zimmer stehe. „Really good“, sage ich während mir die Tränen die Wangen herunterlaufen und füge grinsend ein „It’s at least a once-in-a-lifetime-experience“ hinzu.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen