Als direkt am nächsten Tag auf meinem Handydisplay die E-Mail-Bestätigung aufploppt (We are pleased to confirm you for the 10-day Vipassana Meditation), habe ich gemischte Gefühle. Ich freue mich irgendwie, aber auf der anderen Seite habe ich auch Respekt.
Julia, du machst das jetzt einfach!
Ich reiche bei der Arbeit Urlaub für August ein und buche in der Mittagspause einen Flug nach Indien.
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Je näher Indien kommt, desto unterschiedlicher sind meine Gefühle. Und je näher Indien kommt, desto mehr wird mir klar, auf was ich mich da eigentlich eingelassen habe. Das Witzige daran ist eigentlich, dass ich die Rahmenbedingungen inzwischen mit Humor nehme. Obwohl die Sache an sich mir ziemlich ernst ist. Aber da wir hier überwiegend im Gute-Laune-Blog sind, präsentiere ich euch jetzt mit demselben kleinen Augenzwinkern das Rahmenprogramm für 10 Tage Vipassana. Also haltet euch lieber fest bevor ihr aus Versehen vom Meditationskissen fallt!
4 Uhr
Der Vipassana-Tag beginnt mit dem Gong um eine unchristliche Uhrzeit, zu der ich üblicherweise noch in meinen wildesten Träume stecke. Und wer meine Träume kennt, der weiß, dass sie manchmal wirklich wild sind. Denn da kann ich ganz elegant durch Fenster auf Kipp fliegen, mit meinen Arielle-Meerjungfrau-Flossen stundenlang nach überdimensionalen Goldmünzen ohne Sauerstofflasche tauchen, irgendwo hochklettern und auf einem fliegenden Drachen aus den Wolken stürzen. Irgendwann als Kind habe ich übrigens mal meine Träume auf lose Zettel aufgeschrieben, sie offen herumliegen lassen und meine Mama hat mich daraufhin gefragt, ob ich Redebedarf hätte. Soviel dazu.
Aber ich muss natürlich auch zugeben, dass ich gut auf die aktuellen Träume verzichten kann. Ist nämlich ziemlich uncool, wenn ich mal wieder von irgendjemandem angezündet werde und in Flammen stehe, in einem Teich ertrinke oder mir stückchenweise eine Betondecke auf die Frisur bröckelt. Auch wenn deutung.com sagt, dass das alles im Traum für Veränderung steht und das ja ganz gut zu meiner aktuellen Situation passt.
Bei Vipassana träume ich um 4 Uhr nicht, sondern muss aufstehen. Ja. Richtig gelesen. Um 4 Uhr morgens und nicht nachmittags (das wäre eher deine Zeit, Mary).
4:30 Uhr
Um 4:30 Uhr beginnt für 2 Stunden bis 6:30 Uhr die erste Meditationseinheit des Tages. In der Halle oder im Zimmer. Da ich mit einem Zeitunterschied von 3,5 Stunden in die Zukunft fliege, muss ich mir also einfach vorstellen, dass ja theoretisch erst 00:30 Uhr ist. Also denkt bitte an mich, wenn ihr noch den Blockbuster auf der Couch zu Ende schaut während ich irgendwo auf meinem Kissen sitze und versuche, nicht einzuschlafen.
6:30 Uhr
Der wohl beste und auch härteste Teil des Tages folgt von 6:30 Uhr-8:00 Uhr: Frühstück. Erst olé und dann ohje, denn es gibt keinen Kaffee. Und wer mich kennt, der weiß, dass für mich der erste Liter Kaffee des Tages immer der Beste ist. Und der weiß jetzt auch, dass ich nach 26 Tassen noch schlafe wie ein Baby und träume wie ein Schamane auf Wildkräuterentzug. Man könnte also sagen, dass ich in der 10-tägigen Zeit eine Transformation zur menschlich gewordenen Variante der blauen Senseopads durchlebe: ENTKOFFEINIERT & AUSGEWOGEN. Unter Schutzatmosphäre verpackt.
Bitte kühl und trocken lagern, wenn der Kaffeeentzug sich bemerkbar macht.
8:00 Uhr
Um 8 Uhr geht es für eine Stunde mit der Gruppenmeditation weiter. Man kann sich das aber eher so vorstellen wie eine Gruppe aus Ehepaaren kurz vor dem Gang zum Scheidungsanwalt: Sie reden nicht miteinander und jeder macht sein eigenes Ding. Denn Sprechen ist in der gesamten Zeit verboten. Auch keine Zeichensprache oder heimliche Liebesbriefe wie damals in der Grundschule. Geht außerdem auch gar nicht, weil Männer und Frauen getrennt werden. Da der Durchschnittsmensch am Tag 16.000 Wörter spricht und der Nachbar meiner Eltern nur ungefähr 62, komme ich nach eigenen Schätzungen also auf ca. 31.938 Wörter. Damit habe ich also nach 10 Tagen ein Rededefizit von minus 319380!
Dreihundertneunzehntausenddreihundertachtzig.
Ihr dürft euch also schon mal Ohrstöpsel kaufen und freuen, wenn ich zurück bin! Da Markus mir aber verraten hat, dass sein Hörgerat selektiv Stimmen ausschalten kann, treffe ich mich am besten nicht zuerst mit ihm.
9-11 Uhr
Um 9 Uhr geht’s direkt mit einer EINZELmeditation weiter. Ich sag ja, dass der Vergleich mit dem Besuch beim Scheidungsanwalt gar nicht mal so verkehrt war. Während andere also genüsslich ihren Knoppers vernaschen, kann ich mir in Session 3 zum zweiten Mal aussuchen, ob ich lieber in der Halle oder auf dem Zimmer meditiere.
11:00 Uhr
Ich freue mich, euch verraten zu können, dass es von 11 bis 12 zum zweiten Mal etwas zu essen gibt. Allerdings wahrscheinlich ohne Salzstreuer.Ich will ja nicht meckern, aber ich brauche einfach meine 120-150 g Salz pro Tag! Salz ist einfach die beste Erfindung seitdem es das Meer gibt. Das geht sogar so weit, dass ich am liebsten mal wieder eine Runde mit offenem Mund durch die Nordsee schwimmen würde. Und dass meine Freunde sich mal gut überlegen sollten, ob sie mich nicht einfach zum nächsten Geburtstag mit so einem Himalaya-Salzleckstein für Nagetiere beglücken könnten. Wäre auf jeden Fall mal eine Überlegung wert, falls ihr schon jetzt nach einer Geschenkidee für meinen 30. sucht.
Herausforderung Nummer 3 nach kein Kaffee, kein Salz? Tatatadaa: Kein Fleisch! Das Essen ist vegetarisch. Ich wäre ja beim Frühstück mit Thomas im Café auch fast Vegetarier geworden, aber hab da zum Glück nochmal Schwein gehabt.
Von 12 bis 13 Uhr ist Pause. Was aber nicht heißt, dass ich dann für einen kleinen Shoppingtrip das Gelände verlassen oder mir irgendwo ein leckeres Grillhähnchen mit Salz fangen kann.
Ich bin wirklich gespannt, was ich da tun werde. Und ich bin wirklich gespannt, wie ich mich bis zu dieser ersten Hälfte des Tages fühle.
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