Freitag, 10. August 2018

Sweet Palace

Moment mal. Ich glaub', ich nehme meinen letzten Satz zurück.

2:45 Uhr. Ich stehe am Empfang meines Hotels D'Capitol in Mahipalpur, Neu-Delhi. Auf dem Marmortresen ein Goldfisch, der in einem Glas mit bunten Steinchen verwirrt im Kreis schwimmt. Und hinter dem Tresen ein verwirrter Typ, den ich gerade aus seinen Träumen von billigen Pommes und leckeren Keksen gerissen habe.

"Wir bringen dich zu unserem anderen Hotel", sagt der Mitarbeiter und fügt ein "die Elektrizität funktioniert nicht. Es gibt nirgendwo Licht", hinzu. Also entweder der Typ ist blind oder er glaubt, dass ich blöd bin. Ich schweife meinen Blick durch die hell erleuchtete Empfangshalle. "Aha...und wie komme ich dahin?", frage ich ungläubig und schaue mir noch einmal den verwirrten Fisch in seinem 1-Liter-Glas an. "Wir können laufen. Ich bringe dich hin!", antwortet ein weiterer Mitarbeiter und steht von dem alten Polsterstuhl auf, auf dem er gerade noch geschlafen hat.

"Hello, Miss!", begrüßt mich Inder Nr. 3 im "Sweet Palace"-Hotel, das tatsächlich nur 200 Meter entfernt war. "Are you alone?", fragt er. "Sieht so aus", erwidere ich lachend und trage meinen Namen in ein überdimensionales Gästebuch ein. Auch hier steht wieder ein Goldfischglas auf dem Tresen. Dieses Mal 2 Fische auf einem Liter. Ich frage mich, ob das Glück bringen soll, wenn man sich ganz demonstrativ zur Fisch-Folter bekennt. Aber du darfst das nicht zu krass verurteilen, Julia. Denn du hast durch deine jugendliche Leichtsinnigkeit schließlich auch schon ein paar Fische auf dem Gewissen. 1. Weil du mal eine kaputte Heizung ins Aquarium gesteckt hast und die Fische gekocht wurden. 2. Weil du einen Deko-Stein mit Löchern in dein Aquarium gestellt hast und deine beiden einzigen wunderschönen Kampffische auf ihrer Expedition im Deko-Stein steckengeblieben sind. 3. Weil du dir mal die kleinen Guppy-Babys anschauen wolltest und leider zu doll auf den Brutkasten getippt hast so dass die Kleinen von ihrer eigenen Mutter gefrühstückt wurden.

Dagegen ist das Fischglas fast ein bisschen harmlos.

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Also wenn ich mich hier im Zimmer umsehe, dann frage ich mich, auf welchem kranken Drogentrip die Inhaber zu der Bezeichnung "Sweet Palace" gekommen sind. Was bitteschön ist hier süß und majestätisch wie ein Palast? Vielleicht die wunderschöne blaue Neon-Puffbeleuchtung? Oder die dreckige Bettwäsche?! Sieht auf jeden Fall so aus, als hätte hier zumindest bereits jemand ganz majestätisch im Bett gegessen und sich danach süß vernaschen lassen. Ich möchte es aber gar nicht so genau wissen, was das für komische Flecken auf dem Laken sind und warum da zusätzlich schwarze kurze Haare drankleben.

Nicht zu verachten sind auch meine majestätische Dusche (ein kleiner Plastikeimer in einem großen Plastikeimer) in meinem majestätischen Badezimmer ohne Licht und die Presslufthammer-Geräuschuntermalung. Und natürlich die Klimaanlage, die wie eine Mikrowelle über der Balkontür hängt und mit einem Knattergeräusch eiskalte Luft in meinen Palast pustet.

Ich glaub', ich gehe jetzt erstmal nach draußen auf meinen süßen Balkon mit den Eisengitterstäben, dem fantastischen Ausblick auf eine Baustelle und spreche ganz romantisch aus dem Sweet Palace zu meinem Volk. Um 4 Uhr nachts.Die 17 Euro hätte ich lieber in ein Zelt investieren sollen. Und 17 Euro sind für indische Verhältnisse ganz schön viel. Zum Vergleich: 1km mit dem Taxi kostet 15 Cent. Vorausgesetzt, man wird nicht verarscht. Mit meiner Übernachtung habe ich also mindestens den Stundenlohn der 23 Mitarbeiter und 0 Putzfrauen, die hier beschäfigt sind, finanziert. Ich frage mich allerdings, in was für einer Mülltonne ich denn für 10 Euro geschlafen hätte.

Ich schnappe mir meine Reisehandtücher und bedecke die rechte Seite des Bettes. Das ist ein bisschen so, als müsste ich mein Bett in ein Handtuchkondom hüllen damit ich hier morgen ohne Tripper rauskomme.

Und tatsächlich falle ich irgendwann in einen ziemlich majestätischen Schlaf.

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