Sonntag, 19. August 2018

Vipassana, Tag 4 und 5

“Scanne deinen Körper von Kopf bis Fuß. Beginne bei deinem Kopf und beobachte, welche Gefühle du wahrnimmst. Wenn du nichts spürst, warte eine Minute und gehe dann weiter zu deinem Gesicht. Egal, was du spürst: Sei gleichmütig. Es ist in Ordnung auch wenn kein Gefühl vorhanden ist. Danach gehst du über deine rechte Schulter bis zu den Fingerspitzen. Dann über den linken Arm. Anschließend vom Hals bis zum Bauch, vom Nacken bis zum unteren Rücken und über die Beine bis zu den Fußspitzen. Beobachte ohne zu beeinflussen und starte dann wieder von vorne.“

Ich sitze um 3 Uhr in der Meditationshalle und lausche den Tonbandanweisungen. Nach 3 Tagen, in denen wir nur unsere Atmung beobachtet haben, startet nun die eigentliche Vipassana-Meditation. Ich konzentriere mich auf meinen Kopf und spüre nach einiger Zeit ein Kribbeln, das in mein Gesicht ausstrahlt. Gehe weiter über die Nase und Schultern bis in meine Fingerspitzen. Es fühlt sich so an wie das Gefühl, wenn die Beine einschlafen. Und gleichzeitig so schön wie das Gefühl, wenn dich jemand, den du magst, zum ersten Mal berührt. In einigen Körperteilen spüre ich aber auch Schmerzen oder einfach gar nichts.

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Um 6 Uhr kommt eine neue „Regel“ hinzu: In den drei Gruppenmeditationen (8-9 Uhr, 2:30-3:30 Uhr und 18-19 Uhr) sollen wir ab sofort versuchen, eine Stunde lang nicht unsere Sitzposition zu ändern. Ich setze mich auf das Kissen, winkle meine Beine an und lasse sie nach links kippen so dass meine Füße rechts auf dem Boden sind und meine Knie auf dem Kissen liegen. Bereits in den ersten 10 Minuten habe ich extreme Schmerzen, die in meine Beine ausstrahlen. Aber ich versuche, meine Position nicht zu ändern und konzentriert meinen Körper zu scannen.

Als um 7 Uhr der Gong ertönt, bleibe ich zunächst vor Schmerzen gelähmt auf dem Boden sitzen und kann nicht aufstehen. Nach einigen Minuten spüre ich meine Beine wieder und drücke mich auf dem Kissen nach oben. Stolpere die Treppen hinunter, schnappe mir meine Wasserflasche und gehe ein paar Mal draußen vor dem Eingang der Halle auf und ab. Wie kann es nur so schwierig sein, eine Stunde lang in derselben Position zu verharren?! Und wie kann es sein, dass ich dabei solche extremen Schmerzen habe, dass ich das Gefühl habe, gleich ohnmächtig zu werden?

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Auch die erste Stunde von 8-9 Uhr morgens an Tag 5 ist der Horror. Meine Rückenschmerzen strahlen wellenförmig vom Steißbein bis in den Nacken, meine Oberschenkel brennen und ich spüre meine Waden nicht. Mein rechtes Schulterblatt fühlt sich an, als würde darin ein Messer stecken und mein Po als ob ich mich auf einen Haufen Reißnadeln gesetzt hätte. Ich gebe nach 50 Minuten auf, weil ich fast vor Schmerzen in die Halle kotze. Stelle meine Beine auf das Sitzkissen und ändere in den letzten 10 Minuten meine Position. Es ist, als würde irgendwo jemand mit einer Vodoopuppe sitzen und die Nadel immer wieder in den Rücken und die Beine rammen.

In den weiteren Morgenmeditationen wird der Schmerz zum Glück langsam besser und ich schaffe es, die Zeit ohne Positionswechsel nach und nach auszudehnen.

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Ich sitze in einer kleinen etwa 1,40 x 2,00 Meter großen Zelle auf dem Boden und starre eine weiße Wand mit grüner Tür an. An der Wand hinter mir ein kleines kreisförmiges Fenster. Der Geruch erinnert mich an Oma’s Keller. Betonboden, kalte Wände mit Geckos und ein schmaler Gang, der die einzelnen Meditationszellen in der PAGODA Cell miteinander verbindet. Ich hatte ja gedacht, dass sich in diesem Gebäude, das von außen aussieht wie ein schöner weißer Palast, eine tolle Halle verbirgt. Stattdessen erinnert es von innen eher an ein Gefängnis mit vielen kleinen Zellen. Neben der Meditationshalle haben wir ab sofort die Möglichkeit, in den Einzelmeditationen statt in der Halle in unserer eigenen Zelle zu meditieren. Ich glaube aber, dass ich dieses Mini-Gefängnis nicht wieder freiwillig betreten werde.

Vipassana-Meditation, Lektion von Tag 4 und 5: Das, was uns widerfährt ist das Produkt unserer Gedanken, unserer Worte und des Handelns. Die Gedanken sind der Ursprung. Sie beeinflussen unsere Worte und unser Handeln. Und natürlich das, was wir fühlen. Denken wir Gutes, dann steigt die Wahrscheinlichkeit für positive Dinge. Denken wir negativ, kann es wie eine selbsterfüllende Prophezeiung sein. Das heißt zum Beispiel in Bezug auf die Rückenschmerzen, dass sie nur noch verstärkt werden, wenn ich negativ denke. Denn ich kann nicht negativ denken und erwarten, dass positive Dinge passieren und der Schmerz weggeht. Der Schmerz beim Meditieren verdeutlicht negative Dinge, die uns widerfahren. Lasse ich diesen Schmerz emotional an mich heran, erzeuge ich selbst Unglück. Denn ich kann jederzeit frei entscheiden, wie ich mit Dingen umgehe, die außen passieren und Gefühle in mir auslösen. Und ob ich zulasse, dass diese Dinge dann mein inneres Glück beeinträchtigen oder nicht. Bleibe ich nur in einer Beobachterrolle, mache ich mich frei von dem, was außen passiert. Wenn ich also meine Rückenschmerzen einfach gleichmütig hinnehme, gehen sie hoffentlich endlich komplett weg.

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