Ich habe es nicht richtig geglaubt, aber meine Schmerzen sind fast komplett weg! Ich bin entspannt und voller Energie. Und immer noch überwältigt, dass ich bereits 55 Stunden Meditation hinter mir habe. Das ist mehr als eine ganze Arbeitswoche. Bei mir genau genommen 1 Woche und 2,5 Tage. Die Vorstellung ist einfach völlig absurd, dass ich überhaupt bis hierhin gekommen bin.
Es ist 12:16 Uhr und ich liege nach der Morgenmeditation im Bett unter meinem Moskitonetz. Ich war zwar nicht durchgehend konzentriert, aber ich habe es geschafft, eine Stunde still zu sitzen ohne danach wie eine Baby-Gazelle direkt nach der Geburt auszusehen als ich aufgestanden bin. Und ich bin einfach mal kurz 5 Minuten spazieren gegangen als meine Gedanken immer wieder abgedriftet sind.
Das ist so unfassbar, zu was man fähig ist, wenn man etwas wirklich will: Ich bin immer noch hier!
„Es wäre schön, eher wieder von dir zu hören, aber ich wäre auch ein bisschen traurig, weil es dir dann scheinbar nicht gefallen und du es abgebrochen hast.“ „Ich gehe jetzt mal davon aus, dass du es durchziehst: Also bis in 10 Tagen.“ und „Wenn es jemand durchzieht, dann DU!“. Diese Aussagen habe ich mir immer wieder vor Augen geführt. Deswegen war mir irgendwie von Anfang an klar, dass Aufgeben keine Option ist. Und ich bin stolz, dass ich bis hierhin durchgehalten habe.
-----------------------------
Es geht mir und meinem Rücken wirklich besser. Im Speisesaal muss ich nach all den Schmerzen an Tag 7 sogar zum ersten Mal nach langer Zeit einfach loslachen, obwohl jegliche Kommunikation untersagt ist. Gestern wollte ich nämlich meine Geckos Charly und Fridolin befreien, aber habe sie dann doch bei mir wohnen lassen. Ich glaube nämlich, dass die Inderin Mamta, die links von mir wohnt, wahrscheinlich an meiner Stelle nicht mehr die Wohnung betreten würde. Ich habe noch nie einen Menschen erlebt, der so viel Angst vor Geckos hat. Es ist daher wie schlechte Comedy, dass ausgerechnet an ihrer Tür jeden Abend ein Gecko sitzt, beim Essen an der Scheibe vor ihrem Platz klebt und jetzt gerade aus ausgerechnet ihrem Geschirrfach gesprungen ist.
--------------------------------------------------
Auch über mich muss ich ein bisschen lachen. Denn ich frage mich an Tag 8, was eigentlich der Mist zu bedeuten hat, den ich heute Nacht geträumt habe. Also Freunde, es hat lange gedauert, aber ich kann euch tatsächlich während meiner Zeit in Indien endlich mal live in die kranke Welt der Julia-Träume einweihen! Also aufgepasst, angeschnallt und zugehört:
Ich stehe im Parkhaus eines Fitnessstudios und warte. Auf einmal kommt mein ehemaliger Mitbewohner mit dem Kind meines anderen Mitbewohners auf dem Arm und 2 Freunden auf mich zugelaufen. Hendrik drückt mir das Baby in die Hand und ich nehme es auf den Arm. Das Baby brabbelt munter vor sich hin und fängt dann an, eine ganz normale Unterhaltung mit mir zu führen. Ich frage Hendrik erstaunt, wieso ein 4 Monate altes Kind schon so perfekt reden kann und er sagt völlig überzeugt: „Der ist einfach schon ein wenig weiter.“ Anschließend realisiere ich, dass ich mit Baby auf dem Arm nicht zum Sport kann und verabschiede mich von den Jungs. Dann beschließe ich, mir Schokolade aus einem Automaten zu holen, der eigentlich ein Parkscheinautomat ist. Ich erblicke eine riesige Milka Schoko&Keks-Tafel in der rechten unteren Ecke und stecke 2 Euro in den Schlitz. Die Tafel fällt nach unten und beim Aufprall springt die gesamte Schokolade ab so dass nur der Keks zurückbleibt. Und dann fasse ich in den Automaten, greife die Tafel und stelle fest, dass sie nur ein Stück Holz ist.
Was bitte soll ich da reininterpretieren außer dass es langsam einfach mal wieder Zeit für Sprechen, Schokolade und Sport wird.
Bis dahin meditiere ich noch ein bisschen.
---------------------------------------------
Inzwischen scannen wir nicht mehr nur von oben nach unten und von unten wieder zurück, sondern auch Körperteile, die sich gleich anfühlen, gleichzeitig. Das heißt, dass ich gedanklich beide Arme zusammen beobachte, wenn zum Beispiel in beiden Armen ein Kribbeln ist. Aber auch, dass ich schmerzhafte Beine zusammen gedanklich abhaken kann. Immer wieder werden wir durch die Tonbandanweisungen darauf hingewiesen, dass wir gleichmütig reagieren sollen, was auch immer wir spüren. Denn alles ist vergänglich. Jedes gute und jedes schlechte Gefühl. Genauso wie alles, was im Leben passiert. Wenn man aufhört, ständig darauf zu reagieren und mit dem Wissen um die Vergänglichkeit in einer Beobachterrolle bleibt, fühlt sich Schmerz zwar immer noch wie Schmerz an, aber wird schwächer. Es fehlt die emotionale Negativität, die alles schlimmer macht. Durch Vipassana lernt man sozusagen am eigenen Körper, dass vor allem negative Dinge eine Momentaufnahme sind, aber niemals für immer anhalten. Macht man sich das in schweren Zeiten bewusst, ist der Blick nach vorn und nicht zurückgerichtet. Die innerliche Zufriedenheit mit sich selbst und das Glück und die Liebe, die man für sich und sein Leben empfindet, wird nicht wie eine Seifenblase zerpiekt, wenn negative Dinge passieren. Vor allem Dinge, die man selbst nicht beeinflussen kann. Weil klar ist, dass wieder etwas Positives kommt. Und weil auch klar ist, dass es Positives ohne Negatives gar nicht gäbe. Genauso ist es auch bei positiven Gefühlen klar, dass diese nicht für immer anhalten und man deswegen den Moment mehr wertschätzen sollte. Das heißt nicht, dass man eine Scheißegal-Einstellung zu allem entwickeln sollte. Vielmehr bedeutet es, mit dem Wissen um die Vergänglichkeit, vom negativen Reagieren auf alles Schlechte endlich ins positive Denken zu kommen. Denn dass Dinge besser werden, Schmerzen verschwinden und es nach einem Tief bergauf geht, ist nur eine Frage der Zeit. Und wenn ihr gerade ganz oben seid: Genießt es in vollen Zügen, denn das bleibt nicht für immer so!
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen