Donnerstag, 23. August 2018

Vipassana-Outtakes

Der letzte Tag im Meditationszentrum ist richtig cool. Es ist irgendwie total abgefahren, wenn man sich nach so einer Zeit endlich mal „Hallo“ sagen kann obwohl man sich ja eigentlich schon vor 10 Tagen begrüßen wollte. Alle sind irgendwie überwältigt und lachen. Es ist, als ob jeder genau wie ich dieses „Ich-will-am liebsten-die ganze Welt-umarmen“-Gefühl hat. Ich habe noch nie so viele glückliche Menschen auf einem Fleck gesehen. Endlich können wir uns austauschen und herausfinden, wie jeder die Zeit empfunden hat! Und damit ihr auch einen kleinen Eindruck bekommt, warum ich dabei so viel gelacht habe, lasse ich euch jetzt an ein paar kleinen Meditations-Outtakes teilhaben:

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Ich dachte ja während der letzten 5 Tage die ganze Zeit, dass die Koreanerin Xiu aus dem Zimmer rechts neben mir irgendwie auch nicht alle Tassen im Schrank hat. Endlich kann ich ihr mal mitteilen, dass es mir 2 Tage mega auf den Sack ging, dass sie ihren Wecker jeden Morgen schon auf viertel vor 4 gestellt hat. Ich hatte ab Tag 5 eine Viertelstunde weniger Schlaf während sie bei BEEP BEEP BEEP noch 15 Minuten weitergepennt hat. Und zwar solange bis die Frau mit der Glocke kam, um uns alle hochzuscheuchen und daraus ein BEEP BEEP DING DING DING BEEP BEEP DING DING DIIIIIIIIIIING zu machen so dass ich mir um 4 Uhr jeden Tag sicher sein konnte, dass ich vor lauter Aggression auch tatsächlich wach bin. Deswegen habe ich mich immer direkt auf den Weg zur Halle gemacht. Mein Pech, dass ich nicht einfach „Mach mal deinen scheiß Wecker aus!“, schreien und das Ding über den Zaun werfen konnte. Nach Tag 2 habe ich es dann tatsächlich gleichmütig akzeptiert, dass ich es ohnehin nicht ändern kann. Cloé aus Australien hat hingegen festgestellt, dass ich immer die erste in der Meditationshalle war und sich zusammengereimt, dass ich eine superpünktliche, disziplinierte Deutsche bin. Ein bisschen Recht hatte sie, aber ich war immer nur die Erste damit ich mich nicht noch länger von BEEPBEEPDINGDING in den Wahnsinn treiben lassen muss. Außerdem konnte ich Xiu endlich mal fragen, warum sie die 2 Pflaumen beim Mittagessen an Tag 7 enthäutet und ihre Banane mit einem Löffel wie ein Eis gegessen hat. Warum sie eine Baby-Trinkflasche mit bunten Polizeiautos verwendet und in den Pausen immer mit einem auseinandergefalteten Stofftaschentuch auf dem Kopf herumspaziert ist. Woher sollte ich auch wissen, dass sie die Flasche ihres Sohnes auf die Schnelle eingepackt hat, weil sie erst an Tag 5 spontan dazugekommen ist?

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Auch witzig ist, dass ich an Tag 2 dachte, dass Cloé aufgeben will, weil die Meditationshelferin nachmittags vor ihrem Zimmer in strengem Ton mit ihr diskutiert hat. Ich dachte ja, dass Cloé keine Lust mehr hat. Und dass sie endgültig gehen wollte, als sie dann nachmittags nach 2 Minuten Meditationsdauer plötzlich aus der Halle gerannt ist. Gewundert habe ich mich trotzdem als sie am 3. Tag wieder bei jeder Meditation anwesend war. Fragen konnte ich sie bisher nicht, was eigentlich los war. Und jetzt erfahre ich endlich von Cloé selbst, dass sie niemals aufgeben wollte und das nur in meinem Kopf passiert ist. Sie hat sich den typischen „Delhi-Belly“ eingefangen musste an Tag 2 der Helferin erklären, dass sie sich einscheißen wird, wenn sie zum Meditieren kommt. Dass sie sich nicht vor den Meditationen drücken will, aber es einfach nicht geht. Nachmittags wäre es dann tatsächlich fast passiert und da sie beinahe in die Halle gekotzt hätte, hat die Helferin ihr auch endlich Medizin gegeben.

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Seniad aus England hat mich in ihrem Kopf immer „Miss Toilet“ genannt, weil nach jeder Meditation meine Wasserflasche auf der Treppe vor dem Toiletteneingang stand. Sie wusste ja nicht, wie ich heiße und dass Wassertrinken in der gesamten Zeit einfach mein einziges professionell ausgeführtes Hobby war.

Und Parveen dachte, dass ich jede Sekunde hochkonzentriert meditiert habe auch wenn ich manchmal einfach nur Schokolade und Eiscreme im Kopf hatte.

So hat sich jeder irgendetwas zusammengereimt ohne jeglichen Wortwechsel und ohne überhaupt zu wissen, was eigentlich die Wahrheit ist. Das macht auf jeden Fall deutlich, wie viele Vorurteile und Annahmen immer unser Denken bestimmen und dass es gut ist, die Dinge häufiger aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Fragen zu stellen statt zu urteilen. Miteinander zu sprechen statt immer zu glauben, dass man weiß, wie der andere denkt und ist. Zu beobachten statt zu werten und sich nicht von den Gedanken blenden zu lassen hin zu einer Wahrheit, die man sich selbst konstruiert.

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Egal, wie jeder einzelne von uns das Meditieren tatsächlich empfunden hat. Was wir in 10 Tagen über uns selbst, das Meditationszentrum und die Helfer, das Essen, die Meditationshalle und über die anderen gedacht haben - wir alle teilen die Erfahrung, durchgehalten zu haben. Wir alle hatten zeitweise Schmerzen, sind gedanklich abgedriftet und saßen nicht immer wie der erleuchtete Buddha auf unserem Kissen. Haben innerlich gekämpft, uns wieder gefangen und nicht ans Aufgeben gedacht. Haben aber auch schöne Momente genossen, gelächelt und waren stolz auf uns. Weil wir realisiert haben, dass alles vergänglich ist. So auch diese 10 Tage Vipassana-Meditation. An einem Ort in Indien, den wir alle mit dem Gefühl verlassen, vor lauter Glück fast zu platzen, eine Menge über das Leben gelernt zu haben und es jedem bedingungslos weiterempfehlen zu wollen, diese tolle Erfahrung auch zu machen.

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Das, was ich am Ende mitnehme und weitergeben möchte, ist Folgendes:

Du hast nur dieses eine Leben um zu reisen, die Welt zu entdecken, Jobs auszuprobieren, Menschen zu inspirieren und das zu tun, was dir gut tut. Hinzufallen, aufzustehen, Freundschaften zu schließen, zu lieben, eine Familie zu gründen, berufliche Träume zu verwirklichen. Unterschiedliche Dinge auszuprobieren und die Momente zu genießen. Mach dir bewusst, dass jeder Moment nur ein einziges Mal passiert. Und dass du wenn du nach all den ganzen Momenten irgendwann alt bist, nur das bereust, was du getan hättest, wenn dich nicht Selbstzweifel und Angst oder die Meinungen anderer in diesen einzelnen Momenten davon abgehalten hätten, das zu verfolgen, was dich wirklich glücklich macht.

Sei positiv und höre auf, Negativität durch Ablehnung und übertriebenes Verlangen zu erzeugen. Du kannst nicht negativ denken und positive Dinge anziehen.

Das Leben ist niemals perfekt. Bei niemandem. Es gibt aber keine Lebens-Testversion in der du alles ausprobieren und dann in einem zweiten Leben noch einmal so machen kannst wie es dich glücklich gemacht hätte. Es passieren immer gute und immer schlechte Dinge. Diese Dinge sind vergänglich wie der Schmerz und das schöne Flow-Gefühl beim Meditieren.Also hör auf, mit dem Kopf in der Vergangenheit zu stecken oder über die Zukunft zu grübeln.

Sei im Hier und Jetzt und mach das Beste draus!

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