„Ich bin sooo doof, dass ich mir das freiwillig antue“,
denke ich mir und kralle mich an Andrzejs Schulter fest.
„Please slow down. Pleaaaase“, schreie ich, als wir
ungebremst auf den nächsten sandigen Teil des Weges zusteuern, ich jede
Unebenheit des Bodens wahrnehme und den Eindruck habe, dass wir ganz bald mit
unserem roten Roller ziemlich schmerzhaft auf die Schnauze fliegen werden. Andrzej
lacht.
Können wir nicht einfach zum Hostel zurückfahren? Ich
verzichte auch darauf, den Strand zu sehen.
Bumm, bumm, bumm.
Sand, Sand, Steine. Bumm, bumm. Auaaaa.
„Slow doooooown!“
Ich möchte jetzt ein Blatt Gold an einen goldenen Buddha kleben und mir
wünschen, dass die Rollerfahrt mit dem bekloppten Polen an genau dieser Stelle
beendet ist. Ich greife den Griff hinter mir so fest, dass ich morgen Muskelkater
haben werde. Andrzej hingegen kann sich kaum noch halten vor Lachen und steuert
grinsend auf den nächsten Hügel zu.
Auch die Thailänder denken vermutlich, dass wir die
größten Vollidioten sind. Ein lachender Pole mit einer schreienden Deutschen
auf einem Roller, die sich bei gerade einmal 20km/h verhält, als würde sie mit
300 km/h über den Nürburgring rasen.
Quieeeeeek.
Bumm, bumm, bumm.
Es gibt kaum etwas, wovor ich Angst habe, aber bitte verschont mich von einer Fahrt zum Strand mit einem verrückten Polen über einen hügeligen Weg,
der ausschließlich aus Sand, Steinen und Ästen besteht.
„Julia, you’re absolutely the worst company on a scooter”,
lacht Andrzej und parkt den Roller lachend vor dem Hostel.
Ich steige ab. Mir ist schlecht.
Noch 30 Minuten, um mich von dieser Fahrt zu erholen. Weitere 30 Minuten, bis die nächste Horrorerfahrung „Nightdive“ beginnt.
Juhu, ich kann es kaum abwarten.
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„Welcome to your first
nightdive! I am Tatjana and I will be your dive guide for today”,
sagt die kleine Italienerin mit den lockigen Haaren und gibt uns die Hand. „Have
you read the instructions?“
Ich frage mich, von welchen Anweisungen sie spricht und
erwidere, dass ich bisher keine Infos erhalten habe. Mein Tauchbuddy Hendrik
nickt.
„Ooookay, no worries.
I
can explain everything when we’re on the boat“, antwortet Tatjana und macht ein
“Komm-wir-gehen-jetzt“-Zeichen.
Angekommen auf dem Boot, drückt sie uns eine neongelbe
Taschenlampe und einen Tauchcomputer in die Hand.
Hendrik und ich suchen uns das restliche Equipment,
schlüpfen in den Wetsuit und setzen uns neben die Sauerstofftanks.
„Schon ein wenig seltsam“, sage ich zu Hendrik und
schalte meine Taschenlampe ein und wieder aus. Ich hoffe, dass die Lampe hält,
was sie verspricht.
„Ok guys, lets jump
off the boat and get down the rope.“
Ich schaue Hendrik verwirrt an: „Ich dachte, sie wollte
uns Anweisungen geben?!“
Dann frage ich Tatjana, was sie uns erklären wollte und
sie erwidert, dass der Tauchgang nicht völlig anders als ein normaler Tauchgang
sei. Anschließend setzt sie ihre Maske auf. Ich blicke in die Dunkelheit und
hoffe, dass sie weiß, was sie tut.
Ohne vernünftigen Equipment-Check und mit mulmigem Gefühl
springe ich gemeinsam mit Hendrik vom Boot.
Schhhhhhhhhhhhhhhh
Ich blicke verwirrt um mich und habe keine Ahnung, was
passiert ist.
„Get back on the boat!“, schreit der kleine Thailänder
und deutet auf Hendrik , der panisch zur Leiter schwimmt.
„Oh…the regulator is broken“, ergänzt er und löst den
abgerissenen Schlauch vom Sauerstofftank.
Ich versuche, mir nicht vorzustellen, was passiert wäre,
wenn der Schlauch zum Sauerstofftank unter Wasser geplatzt wäre, aber schaffe
es irgendwie nicht, völlig ruhig zu bleiben.
Dann schwimme ich gegen den Strom zur Leiter und versuche,
zurück auf das Boot zu klettern. Mit jeder Welle pralle ich gegen die Leiter
und rufe dann: „Can you help me please?“
Keine Reaktion.
Ich rufe lauter.
Tatjana kommt völlig relaxt zur Leiter und bittet mich, im Wasser
zu bleiben und an die Seite des Bootes zu schwimmen.
„Sind die völlig bescheuert?“, frage ich mich und
schwimme an die Seite des Bootes.
Tausend Gedanken in meinem Kopf.
Nicht durchdrehen, Julia.
Ich wünsche mir bereits jetzt, dass dieser dämliche
Tauchgang endlich vorbei ist und bete, dass mein Equipment einwandfrei ist.
Dann springen Hendrik und Tatjana zum zweiten Mal vom
Boot.
Als wir das Seil erreichen, macht Tatjana das Zeichen für
„Abtauchen“ und während die Wellen in mein Gesicht schwappen, lasse ich langsam
die Luft aus meiner Jacke.
2 Meter
5 Meter
Ich sehe absolut gar nichts außer das Seil, das ich mit
meiner Taschenlampe anleuchte. Was ist, wenn die Batterie gleich leer ist?
7 Meter
8 Meter
Nicht nachdenken, Julia. Das wird schon alles so ok sein.
12 Meter
14 Meter
Ich leuchte mit der Lampe mein Tiefenmessgerät an und
versuche, mich zu konzentrieren.
In 16 Metern Tiefe erkenne ich den Meeresboden. Ich drehe
mich im Kreis und bin erleichtert, als ich Hendrik und Tatjana finde.
Dann schwimmen wir los. Ich erschrecke mich ein paar Mal,
als ich die Taschenlampe bewege und plötzlich aus dem Nichts ein großer Fisch
vor meiner Brille erscheint oder ich kurz vor einem Seeigel stehen bleiben muss.
Was bitteschön soll an einem Nachttauchgang faszinierend
sein?
Ich fühle mich eher wie Teil eines Horrorfilms, in dem
ich nachts allein an einer verlassenen Straße entlanglaufe und nur darauf
warte, dass aus dem Nichts jemand auftaucht und mir Todesangst macht.
Ruuuuhig bleiben, Julia.
Ich scheine mit meiner Taschenlampe auf meinen Computer.
13 Minuten.
Wenn ich Glück habe, verbraucht Hendrik so viel Luft,
dass ich nur noch etwa 17 Minuten aushalten muss. Wenn ich Pech habe, sind es
noch 30 Minuten.
Ich hoffe einfach, dass ich Glück habe.
Ich hoffe einfach, dass ich Glück habe.
Plötzlich stoppt Tatjana und drückt uns unsere
Taschenlampen gegen die Brust.
Dunkelheit.
Krampfhaft versuche ich, mich auf meinen Atem zu
konzentrieren und zähle die Sekunden. Das ist definitiv der Moment, in dem ich auf der einsamen Straße stehe bleibe und gleich jemand aus dem Gebüsch springt.
Ich könnte heulen, aber das bringt mich jetzt auch nicht
weiter. Stattdessen schwöre ich mir, dass dies der erste und letzte
Nachttauchgang mit einer Italienerin ist, die auf mich den Eindruck macht, als
wüsste sie selbst nicht, was sie gerade tut.
Wir schwimmen ein wenig weiter, ich stoße mir den Kopf am Riff und plötzlich macht Hendrik das Zeichen für „100 Bar“. Ich blicke auf
mein Messgerät und stelle fest, dass ich fast 1,5 x so viel Luft habe wie er und frage mich, wie das sein kann.
Dann geht alles plötzlich ganz schnell.
Tatjana wedelt panisch mit ihren Armen, zieht mich nach
unten und ich drehe mich orientierungslos im Kreis.
Weiß sie, was sie tut?
Dann versucht sie, den Oberflächenmarkierer mit Luft zu füllen, aber schafft es einfach nicht.
Scheinbar weiß sie es also nicht.
Hendrik deutet an, dass er keine Luft mehr hat und ich merke, dass ich plötzlich einen Kloß im Hals habe.
Ich wünsche mir, dass der Tauchgang so schnell wie möglich vorbei ist und ich so etwas nie wieder machen muss.
Weiß sie, was sie tut?
Dann versucht sie, den Oberflächenmarkierer mit Luft zu füllen, aber schafft es einfach nicht.
Scheinbar weiß sie es also nicht.
Hendrik deutet an, dass er keine Luft mehr hat und ich merke, dass ich plötzlich einen Kloß im Hals habe.
Ich wünsche mir, dass der Tauchgang so schnell wie möglich vorbei ist und ich so etwas nie wieder machen muss.
Dann rasen wir an die Wasseroberfläche und ploppen ohne
Sicherheitsstopp in etwa 10 Metern Entfernung neben dem Boot auf.
Ich atme tief ein, schlucke ein bisschen Salzwasser, klatsche mehrfach gegen die Leiter des Bootes und steige dann aus dem Wasser.
Ich atme tief ein, schlucke ein bisschen Salzwasser, klatsche mehrfach gegen die Leiter des Bootes und steige dann aus dem Wasser.
Hendrik’s Messgerät zeigt gerade einmal 10 Bar an, als wir
zurück auf dem Boot sind.
Nicht einmal 5 Minuten später hätte er keinen Sauerstoff
mehr in seinem Tank gehabt, weilscheinbar auch der zweite Regulator kaputt ist.
Ich lege erschöpft mein
Equipment ab, schalte die Taschenlampe aus und bin dankbar, dass der Nachttauchgang endlich vorbei ist.
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„How was your nightdive?“, fragen mich die anderen
Backpacker, als ich beim Hostel ankomme.
Fragt lieber nicht.
Ich will jetzt einfach schnell duschen, etwas essen und
eine gute Zeit haben.
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„Sowas sollte es auch in Deutschland geben“, denke ich,
als ich die Bambusleiter der Baumhausbar zur Plattform hochklettere.
Wir sitzen auf bunten Kissen mitten in einer Baumkrone
und trinken Cocktails. Steve aus Kanada, der mich irgendwie an eine
Southparkfigur erinnert, Adrienne aus Deutschland, Joao aus Portugal, der verrückte
polnische Rollerfahrer, Bart aus Holland und ich.
Ein Hoch auf den bestandenen Tauchkurs und den
grausamsten Tauchgang aller Zeiten.
Southpark-Steve erzählt lustige Kanada-Geschichten, Bart
macht sich über die Deutschen mit den „Moneybelts“ lustig und Andrzej ist immer
noch amüsiert über unsere Rollerfahrt.
Wir haben so viel Spaß, dass ich den Nachttauchgang
inzwischen eher lustig als grausam finde und über meine Unterwasser-Panik
lachen kann.
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