Samstag, 6. Dezember 2014

Tag 2


„Uangchechang chewang. Chan yay long chan“

Die Tür geht auf.

„Gooote Morgee.“

„Ah, mein Bluder isse scho da“, sagt Mimi.

Dieses mal starren mich gleich 6 Augen an. Eisbärfütterung am frühen Morgen, wer will da nicht zuschauen?

Chow, Eee und der Kleine stehen in der Tür und schauen Mimi und mich freundlich an. In der Hand halten sie 4 weiße Tüten mit Essen.

„Bitte nicht“, denke ich mir und drehe mich auf die Seite.

„Joolia, müsse aufstehe und flüüühstücke“, sagt Mimi und rollt sich über die Seite aus der Decke, die wir uns gemeinsam teilen. 

Bitte wirklich nicht. Dschungelprüfung Nummer 3…ich steige aus.

Im Zimmer herrschen gefühlte Minus 4 Grad. Ich rolle mich noch einmal in die Decke ein und frage mich, warum ich bei 34 Grad Außentemperatur eigentlich frieren muss. In der Nacht war es mir selbst mit Top und Langarmshirt zu kalt.

Ich schaue auf mein Handy. 9.30 Uhr. „Das ist ok“, denke ich mir.

Ich bin ausgeschlafen, wenngleich ich mich etwas in den Schlaf gezittert habe, weil Mimi die Klimaanlage soweit heruntergeschraubt hat, dass ich mich tatsächlich wie ein Eisbär in einem Iglu gefühlt habe.

Langsam stehe ich auf, bewege mich vom Iglu ins Gewächshaus, ziehe mich an und trödle dabei etwas, so dass mir das leckere "Flüüühstück" tatsächlich erspart bleibt. Ich belasse es bei einem schnellen Kaffee, ziehe meine Schuhe an und klettere ins Auto.

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Kitschige Accessoires, Boote, auf denen Frauen Essen zubereiten, glitzernde Taschen, bunte Plastikblumen und schillernde Gewänder. 

Ein Elefant, der Hulahoopreifen auf seinem Rüssel dreht und Menschen in seltsamen Kostümen, die auf einer Erhebung sitzend mit einer quietschenden Angel die vorbeigehenden Menschen antippen und auf eine Spende hoffen. 

Wir sind auf einem „Floating Market“.

Langsam drängeln wir uns auf einem schmalen Steg durch die Menschenmassen. Links von uns Boote im Wasser und Sitzgelegenheiten auf kleinen Stegen, rechts von uns Shop an Shop mit lauter glitzernden, bunten Dingen und kleinen Esswagen. 

Mimi kauft ein paar Geschenke für ihre Tochter und eine pinke Plastikblume für ihr Haar.

Als wir einen Insektenstand erreichen, beschließt sie, mir eine gemischte Portion aus frittierten Maden, Heuschrecken und Käfern zu holen und drückt mir lachend die Plastikschale und zwei Stäbchen in die Hand.


Ich bin etwas mutiger geworden. Neben dem Reh-Etwas, den seltsamen Hühnerklößen, dem Gurkensalat mit den Krabbenaugen, der wabbeligen Käsesuppe, Hühnerfüßen, Tintenfischringen, Risengarnelen und Muscheln habe ich jetzt auch einige Heuschrecken, Maden und Käfer in meinem Bauch. 

Der Bauch-Zoo ist eröffnet, es sind jetzt genug Tiere da
.
Erstaunlicherweise schmecken die Insekten – verglichen mit den Speisen von gestern – sogar ganz lecker. Ein bisschen wie Nüsse, allerdings in anderer Konsistenz.






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Zum Heulen ist hingegen im wahrsten Sinne des Wortes das Abendessen. Wir sitzen in einem kleinen „Restaurant“ am Strand, in dem Mimi heute ein Essen geplant hat, weil sie hier ihren 62. Geburtstags mit uns feiern möchte. Ich bin etwas schockiert über die Tatsache, dass sie bereits 62 ist. Noch schockierter bin ich allerdings beim Anblick der gefühlt 62 bestellten Gerichte, bei dem ich mich spontan eher für eine weitere Portion frittierte Heuschrecken entscheiden würde. Es gibt wieder seltsamen Papaya-Gurkensalat, für den auch eine oder mehrere Riesenkrabben sterben mussten, Wachteleier mit Sojasauce, einen Topf voller Muscheln, Kaviar, Riesengarnelen, Wasserschnecken und gekochte Tintenfischarme.

Ich sitze auf dem Boden, der mit bunten Matten ausgelegt ist, schiebe meine Beine langsam unter den etwa 30 cm hohen Tisch, starre auf das Potpourri an toten Meerestieren, die mich aus sämtlichen Schüsseln anlächeln und überlege krampfhaft, was zur Feier des Tages kleinste Übel ist.

Bevor zu Ende denken kann, habe ich von allem etwas auf dem Teller.

Ich bin kein Star, holt mich aber bitte trotzdem hier raus.

Ok, Julia, reiß dich noch einmal zusammen. Morgen Abend fährt du mit dem Bus weiter und ab dann kannst du selbst entscheiden, was du isst. 

„Wenn ich mich bis dahin nicht 62 Mal übergeben und habe, ist das ein guter Trost“, denke ich mir und beginne, den Salat mit der Riesenkrabbe zu essen, den ich bereits kenne. 

Was ich allerdings nicht kenne, ist der Unterschied zwischen „Ok-das-ist-ganz-schön-scharf-aber-irgendwie-noch-erträglich“ und „Hilfe, ich-kann-nicht-mehr-aufhören-zu-heulen“, den ich wenige Minuten später kennen lernen darf. 

Ich sitze plötzlich am Tisch mit offenem Mund und merke, wie meine Augen anfangen, zu brennen. Als ich daraufhin den typischen Anfänger-Fehler mache und  Wasser trinke, laufen mir Tränen aus meinen brennenden Augen über die Wangen.  

„Isse eine kleine bissche schaap Joolia?!“, lächelt Mimi und drückt mir grinsend einen Wasserspinatstengel in die Hand.

Jetzt sitze ich da wie ein heulendes Karnickel.

"Isse auch letzte schafe Abendessen mit uns wenn du gehs morgen schon", ergänzt sie und reicht mir ein Taschentuch.













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