Samstag, 6. Dezember 2014

Tag 1 mit Mimi



Genau eine Stunde später klopft es an der Tür. Es ist Mimi’s Schwiegertochter, die sich lächelnd mit aneinander gepressten Handflächen vor mir verbeugt und anschließend auf ihren Roller deutet. 

„What’s your nickname“, fragt sie mich und ich muss ein bisschen lachen. „Nach dieser Aktion wahrscheinlich Planloser Backpacker89“, denke ich mir und hüpfe auf ihren rosafarbenen Roller.

Wenn ich es richtig verstanden habe (und das habe ich wahrscheinlich nicht), dann heißt Mimi’s Schwiegertochter einfach nur „Eee“. Das kann ich mir wenigstens merken, aber nicht so aussprechen, wie es ausgesprochen wird.

Ich, klammere mich fest an Ee‘s Schultern und wir fahren zum Frisörshop von Mimi’s Freundin, die Mimi an diesem Tag die Haare waschen will. Vorbei an Bananenstauden und zahlreichen Wagen mit Essen, die am rechten Straßenrand platziert sind. 

„Gutee Morgee Joolia“, begrüßt mich Mimi wenigen Minuten später und strahlt mich frisch gewaschenen Haaren an. Ich hüpfe vom Roller und begrüße sie und eine in gelb gekleidete Frau indem ich – wie Ee es mir vorgemacht hat – meine Handflächen aneinander presse und mich verneige. Ich ziehe meine Schuhe aus, gehe eine Stufe höher und betrete den Frisörshop, der mich ein bisschen an die sporadisch eingerichteten bunten afrikanischen Frisörshops erinnert, die es in Deutschland gibt. „Du auch wolle waschen Haare hier?“, fragt mich Mimi.

Bevor ich überhaupt antworten und mich in Ruhe umsehen kann, befinde ich mich auch schon im hinteren Teil des Shops auf einer seltsamen Liege, die aussieht wie eine abgesägte Arztbank und bei der die Füße am Ende lustig herunterbaumeln.

Ich zögere ein wenig, klettere dann auf die seltsame Bank, lege mich hin und lehne  mich zurück.

Mimi’s Freundin beginnt sofort, mir die Haare zu waschen.

Waschen ist eigentlich an dieser Stelle der falsche Ausdruck. Sie rupft genau genommen mit ihren Fingern durch mein inzwischen mit gefühlten 2 Litern Shampoo versehenes Haar. Dabei kratzt sie mit ihren Fingernägeln immer wieder über meine Kopfhaut und den Nacken hinunter. Zwischendurch nimmt sie meine Haare zwischen ihre Handflächen und knetet sie wie einen Plätzchenteig an Weihnachten, den man nur mit ein wenig Gewalt formen kann und dreht sie anschließend so, als würde sie gerade ein Handtuch auswringen.

Guten Morgen Thailand, ich bin jetzt wach.

Ich weiß nicht, ob ich vor Schmerz schreien darf oder so tun muss, als ob das furchtbar entspannend und die weltbeste Kopfmassage ist, die ich je bekommen habe. 

Immer höflich bleiben, Julia. Du lässt das jetzt einfach einmal über dich ergehen und wirst dann nie wieder auch nur einen Schritt in einen thailändischen Frisörshop setzen. 

Ich entscheide mich für Zweites.

Nach weiteren zwei Waschgängen und derselben Prozedur trommelt sie jetzt mit ihren Handflächen auf meinem Kopf herum. 

Hallo?! Ich bin jetzt wirklich wach. 

Großes Indianer-Ehrenwort.

Ich hoffe, dass sie aufhört, bevor ich bewusstlos bin.

Als sie endlich fertig ist und sich mit einer Bürste durch meine Haare gerissen hat, versuche ich, die Haarbüschel auf dem Boden zu verdrängen und bedanke mich freundlich für diese wahnsinnig entspannende Kopfmassage am Morgen. 

Eine Verbeugung, ein nettes Grinsen.
Das war der erste und letzte Frisörbesuch in Thailand.



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Morgens, halb 10 in Thailand. 

Kein Knoppers, sondern: 

„herzlich willkommen zur zweiten Dschungelprüfung. Nachdem du heute Nacht erfolgreich 5 Hühnerklöße mit Knorpeleinlage gegessen hast, ohne dich zu übergeben, haben die Zuschauer dich erneut gewählt und freuen sich, dass du die Herausforderung annimmst.“

Wenn ich je gesagt habe, dass Frühstück die beste Mahlzeit des Tages ist, dann möchte ich das an dieser Stelle revidieren.

Mimi und ich sitzen vor dem Haus ihrer Schwiegertochter auf einem Baumstumpf und ich starre misstrauisch auf die seltsamen Speisen in den Schüsseln vor mir. Ich versuche, etwas zu erkennen, aber ich habe keine einzige Speise schon einmal gegessen außer vielleicht die wenigen Einzelzutaten, die ich in den gemischten Schüsseln nach genauem Hinsehen erkennen kann.

Fröhlich beginnt Mimi, mir etwas Reis auf den Teller zu schaufeln und ergänzt dann nach und nach einen Löffel der anderen Gerichte.

Es gibt Rehragout mit Meerestieren, Bambussalat mit ganzen Krebsen und Chili, eine Suppe mit wabbeliger Käse-Einlage, knorpelige Hühnerbeine, aufgespießten Räucherfisch, Klebreis und Gurkensalat.

„Guten Appetit, du darfst jetzt mit dem Essen beginnen. Für jede erfolgreich verspeise Mahlzeit erhältst du von uns einen Stern. Schaffst du etwas nicht oder musst du dich übergeben, so ist die Dschungelprüfung gescheitert.“

Ok, na gut. Probieren kann ich ja mal. Ich habe es schließlich versprochen.

Ich beginne mit dem komischen Reh-Etwas. „Isse aus Kanada, Jolia“, erklärt Mimi und lächelt mich erwartungsvoll an.

Nach den Hühnerbällchen von gestern Nacht, deren Geschmack mich auch noch auf der 2,5-stündigen Fahrt begleitet hat, ist das gar nicht mal so schlimm. Es ist scharf, aber in Ordnung und die Konsistenz ist auch erträglich. „Das ist der erste Stern für dich, kommen wir zur nächsten Spezialität“.

Langsam beginne ich, alles andere zu testen. Die wabbelige Käsesuppe, die ich nur ohne zu kauen herunterschlucken kann, ein Stück vom Hühnchen, ein bisschen Fisch, ein Löffel Bambussalat.

Meine Zunge brennt inzwischen genauso wie meine Kopfhaut und ich versuche, nicht darüber nachdenken, was ich da gerade eigentlich esse, denn die Einzelbestandteile sind nur schwer erkennbar. Weil ich inzwischen nichts mehr merke außer „scharf“ und mir zwischendurch die Nase putzen und die Tränen aus den Augen wischen muss, schmecke ich wenigstens nichts mehr.

Mimi ist sichtlich erheitert über die lustige Deutsche, die bereits beim Frühstück versagt.
Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen und nehme fröhlich vom Gurkensalat nach, weil mir dieser am erträglichsten erscheint.

Als mich nach einigen Happen auf meinem Löffel zwischen einer Gurke ein längliches Krabbenauge anglubscht, habe ich aber spontan keinen Hunger mehr.

„Leider gibt es heute keinen Stern für dich.“


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Nach zwei „Aua“-Erfahrungen folgte dann der schöne Teil des Tages. Wir (Mimi, Ee, Chow, der Sohn von Ee und Chow, Mimi’s Vater, Mimi’s Mutter und ich) sind in die Stadt gefahren. 7 Menschen in einem Auto, davon 5 auf der Rückbank. 
 
In Thailand gibt es keine Verkehrsregeln, sondern nur unbequeme Autos.

Wir haben etwas Geld gewechselt und sind dann zum Essen an einen richtig schönen Ort gefahren. Hütten auf Erhebungen im Wasser, mit Schilfdächern und kleinen Treppen aus Bambus. Drumherum kleine offene Blechhütten, in denen thailändische Frauen auf dem Boden sitzen und in Töpfen herumrühren, ihre Kinder in Hängematten schaukeln und nebenbei Gemüse schneiden.

Nach meiner lustigen Frühstückserfahrung war ich auf alles gefasst, als wir uns in eine der Hütten setzten.

Allerdings war das Essen dieses mal wirklich gut. Reis mit Ei, verschiedene Saucen, Garnelen auf Salatblättern, gegrillter Fisch und Gemüse. 

Das einzig Gewöhnungsbedürftige ist, dass es beim Essen kein „meins“ und „deins“, sondern nur ein „unser“ gibt. 

Jeder Gang wird einzeln serviert, in der Tischmitte platziert und dann geteilt. Dadurch dauert das Essen nicht nur unglaublich lange, sondern man hat auch die Möglichkeit, aus vielen verschiedenen Speisen zu wählen. Das ist etwas befremdlich, aber irgendwie auch schön, denn ich fühle mich dadurch als Teil der Familie, obwohl ich eigentlich fremd bin.

Den Abend verbrachten wir ebenfalls am Meer. Auf dem Boden auf bunten Matten an einem flachen Tisch sitzend. Über uns ein Dach aus Schirmen und Tüchern, hinter uns der Strand und das Meer. Vor uns zahlreiche Wagen, an denen thailändische Männer stehen und kochen.

Ich habe mich irgendwann einfach nur noch auf eine der bunten Matten gelegt und in den Sternenhimmel gestarrt.

Ich bin dankbar, dass ich so blöd war und meinen Platz im Flieger von Reihe 17, Sitz K auf Reihe 21, Sitz J geändert habe.



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