Genau eine Stunde später klopft es an der Tür. Es ist
Mimi’s Schwiegertochter, die sich lächelnd mit aneinander gepressten
Handflächen vor mir verbeugt und anschließend auf ihren Roller deutet.
„What’s your nickname“, fragt sie mich und ich muss ein
bisschen lachen. „Nach dieser Aktion wahrscheinlich Planloser Backpacker89“, denke
ich mir und hüpfe auf ihren rosafarbenen Roller.
Wenn ich es richtig verstanden habe (und das habe ich
wahrscheinlich nicht), dann heißt Mimi’s Schwiegertochter einfach nur „Eee“. Das
kann ich mir wenigstens merken, aber nicht so aussprechen, wie es ausgesprochen
wird.
Ich, klammere mich fest an Ee‘s Schultern und wir fahren
zum Frisörshop von Mimi’s Freundin, die Mimi an diesem Tag die Haare waschen
will. Vorbei an Bananenstauden und zahlreichen Wagen mit Essen, die am rechten
Straßenrand platziert sind.
„Gutee Morgee Joolia“, begrüßt mich Mimi wenigen Minuten
später und strahlt mich frisch gewaschenen Haaren an. Ich hüpfe vom Roller und
begrüße sie und eine in gelb gekleidete Frau indem ich – wie Ee es mir
vorgemacht hat – meine Handflächen aneinander presse und mich verneige. Ich
ziehe meine Schuhe aus, gehe eine Stufe höher und betrete den Frisörshop, der
mich ein bisschen an die sporadisch eingerichteten bunten afrikanischen
Frisörshops erinnert, die es in Deutschland gibt. „Du auch wolle waschen Haare
hier?“, fragt mich Mimi.
Bevor ich überhaupt antworten und mich in Ruhe umsehen kann,
befinde ich mich auch schon im hinteren Teil des Shops auf einer seltsamen Liege,
die aussieht wie eine abgesägte Arztbank und bei der die Füße am Ende lustig herunterbaumeln.
Ich zögere ein wenig, klettere dann auf die seltsame
Bank, lege mich hin und lehne mich
zurück.
Mimi’s Freundin beginnt sofort, mir die Haare zu waschen.
Waschen ist eigentlich an dieser Stelle der falsche
Ausdruck. Sie rupft genau genommen mit ihren Fingern durch mein inzwischen mit gefühlten
2 Litern Shampoo versehenes Haar. Dabei kratzt sie mit ihren Fingernägeln immer
wieder über meine Kopfhaut und den Nacken hinunter. Zwischendurch nimmt sie
meine Haare zwischen ihre Handflächen und knetet sie wie einen Plätzchenteig an Weihnachten, den man nur mit ein wenig Gewalt formen kann und dreht sie anschließend so, als würde
sie gerade ein Handtuch auswringen.
Guten Morgen Thailand, ich bin jetzt wach.
Ich weiß nicht, ob ich vor Schmerz schreien darf oder so
tun muss, als ob das furchtbar entspannend und die weltbeste Kopfmassage ist,
die ich je bekommen habe.
Immer höflich bleiben, Julia. Du lässt das jetzt einfach
einmal über dich ergehen und wirst dann nie wieder auch nur einen Schritt in
einen thailändischen Frisörshop setzen.
Ich entscheide mich für Zweites.
Nach weiteren zwei Waschgängen und derselben Prozedur
trommelt sie jetzt mit ihren Handflächen auf meinem Kopf herum.
Hallo?! Ich bin jetzt wirklich wach.
Großes Indianer-Ehrenwort.
Ich hoffe, dass sie aufhört, bevor ich bewusstlos bin.
Als sie endlich fertig ist und sich mit einer Bürste
durch meine Haare gerissen hat, versuche ich, die Haarbüschel auf dem Boden zu
verdrängen und bedanke mich freundlich für diese wahnsinnig entspannende Kopfmassage
am Morgen.
Eine Verbeugung, ein nettes Grinsen.
-----------------
Morgens, halb 10 in Thailand.
Kein Knoppers, sondern:
„herzlich willkommen zur zweiten Dschungelprüfung.
Nachdem du heute Nacht erfolgreich 5 Hühnerklöße mit Knorpeleinlage gegessen
hast, ohne dich zu übergeben, haben die Zuschauer dich erneut gewählt und
freuen sich, dass du die Herausforderung annimmst.“
Wenn ich je gesagt habe, dass Frühstück die beste
Mahlzeit des Tages ist, dann möchte ich das an dieser Stelle revidieren.
Mimi und ich sitzen vor dem Haus ihrer Schwiegertochter
auf einem Baumstumpf und ich starre misstrauisch auf die seltsamen Speisen in
den Schüsseln vor mir. Ich versuche, etwas zu erkennen, aber ich habe keine
einzige Speise schon einmal gegessen außer vielleicht die wenigen
Einzelzutaten, die ich in den gemischten Schüsseln nach genauem Hinsehen
erkennen kann.
Fröhlich beginnt Mimi, mir etwas Reis auf den Teller zu
schaufeln und ergänzt dann nach und nach einen Löffel der anderen Gerichte.
Es gibt Rehragout mit Meerestieren, Bambussalat mit
ganzen Krebsen und Chili, eine Suppe mit wabbeliger Käse-Einlage, knorpelige
Hühnerbeine, aufgespießten Räucherfisch, Klebreis und Gurkensalat.
„Guten Appetit, du darfst jetzt mit dem Essen beginnen.
Für jede erfolgreich verspeise Mahlzeit erhältst du von uns einen Stern.
Schaffst du etwas nicht oder musst du dich übergeben, so ist die
Dschungelprüfung gescheitert.“
Ok, na gut. Probieren kann ich ja mal. Ich habe es schließlich versprochen.
Ich beginne mit dem komischen Reh-Etwas. „Isse aus
Kanada, Jolia“, erklärt Mimi und lächelt mich erwartungsvoll an.
Nach den Hühnerbällchen von gestern Nacht, deren
Geschmack mich auch noch auf der 2,5-stündigen Fahrt begleitet hat, ist das gar
nicht mal so schlimm. Es ist scharf, aber in Ordnung und die Konsistenz ist
auch erträglich. „Das ist der erste Stern für dich, kommen wir zur nächsten
Spezialität“.
Langsam beginne ich, alles andere zu testen. Die
wabbelige Käsesuppe, die ich nur ohne zu kauen herunterschlucken kann, ein
Stück vom Hühnchen, ein bisschen Fisch, ein Löffel Bambussalat.
Meine Zunge brennt inzwischen genauso wie meine Kopfhaut
und ich versuche, nicht darüber nachdenken, was ich da gerade eigentlich esse,
denn die Einzelbestandteile sind nur schwer erkennbar. Weil ich inzwischen
nichts mehr merke außer „scharf“ und mir zwischendurch die Nase putzen und die
Tränen aus den Augen wischen muss, schmecke ich wenigstens nichts mehr.
Mimi ist sichtlich erheitert über die lustige Deutsche,
die bereits beim Frühstück versagt.
Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen und nehme
fröhlich vom Gurkensalat nach, weil mir dieser am erträglichsten erscheint.
Als mich nach einigen Happen auf meinem Löffel zwischen
einer Gurke ein längliches Krabbenauge anglubscht, habe ich aber spontan keinen
Hunger mehr.
------------------------
Nach zwei „Aua“-Erfahrungen folgte dann der schöne Teil des Tages. Wir (Mimi, Ee, Chow, der Sohn von Ee und Chow, Mimi’s Vater, Mimi’s Mutter und ich) sind in die Stadt gefahren. 7 Menschen in einem Auto, davon 5 auf der Rückbank.
In Thailand gibt es keine Verkehrsregeln, sondern nur
unbequeme Autos.
Wir haben etwas Geld gewechselt und sind dann zum Essen
an einen richtig schönen Ort gefahren. Hütten auf Erhebungen im Wasser, mit
Schilfdächern und kleinen Treppen aus Bambus. Drumherum kleine offene
Blechhütten, in denen thailändische Frauen auf dem Boden sitzen und in Töpfen
herumrühren, ihre Kinder in Hängematten schaukeln und nebenbei Gemüse
schneiden.
Nach meiner lustigen Frühstückserfahrung war ich auf
alles gefasst, als wir uns in eine der Hütten setzten.
Allerdings war das Essen dieses mal wirklich gut. Reis
mit Ei, verschiedene Saucen, Garnelen auf Salatblättern, gegrillter Fisch und
Gemüse.
Das einzig Gewöhnungsbedürftige ist, dass es beim Essen
kein „meins“ und „deins“, sondern nur ein „unser“ gibt.
Jeder Gang wird einzeln serviert, in der Tischmitte
platziert und dann geteilt. Dadurch dauert das Essen nicht nur unglaublich
lange, sondern man hat auch die Möglichkeit, aus vielen verschiedenen Speisen
zu wählen. Das ist etwas befremdlich, aber irgendwie auch schön, denn ich fühle
mich dadurch als Teil der Familie, obwohl ich eigentlich fremd bin.
Den Abend verbrachten wir ebenfalls am Meer. Auf dem
Boden auf bunten Matten an einem flachen Tisch sitzend. Über uns ein Dach aus
Schirmen und Tüchern, hinter uns der Strand und das Meer. Vor uns zahlreiche
Wagen, an denen thailändische Männer stehen und kochen.
Ich habe mich irgendwann einfach nur noch auf eine der
bunten Matten gelegt und in den Sternenhimmel gestarrt.
Ich bin dankbar, dass ich so blöd war und meinen Platz im
Flieger von Reihe 17, Sitz K auf Reihe 21, Sitz J geändert habe.













Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen