Nach zwei Stunden Schlaf auf dem Hosteldach und tausend
Tränen, die ich gelacht habe, klingelt um 5:30 Uhr nach einer unvergesslichen
letzten Koh-Tao-Partynacht mein Wecker.
Was für eine grausame Uhrzeit, um mit einer Fähre nach
Krabi zu fahren.
Ich packe im Dunkeln meine Sachen und mache mich auf den
Weg zur Tauchschule, um dort meinen Tauchkurs zu bezahlen, bevor ich Koh Tao
verlasse.
Dann gehe ich zum Hafen.
„Warum sind hier eigentlich mehr als 50 % der Mitarbeiter
Ladyboys?“, frage ich mich, als ich einem Mitarbeiter mit rosa Shirt und der
Aufschrift „Seatran“ mein Ticket in die Hand drücke.
Mr. Ladyboy bedankt sich lächelnd mit einem „Sääänk juuu“ und hält mir einen Sticker unter die Nase, den er auf seine Fingerspitze geklebt hat. Ich nehme den Sticker, klebe ihn auf mein Shirt und betrete grinsend das Boot.
Wenn ich als Kerl täglich so ein seltsames rosa Mitarbeitershirt
tragen müsste, würde ich wahrscheinlich auch irgendwann früher oder später ein
Ladyboy werden, damit ich mich nicht völlig bescheuert in meiner Arbeitskleidung fühle.
Ich puste mein Nackenkissen auf, stecke mir meine
Kopfhörer in die Ohren und hoffe, dass ich jetzt noch ein bisschen Schlaf
nachholen kann. Ich schließe meine Augen.
Bevor das Boot losfährt, tippt
mich ein weiterer Seatran-Ladyboy-Mitarbeiter an, der grinsend Zipper-Kotztüten
verteilt. "For you Missis, pliiiiies."
Sääänk juu, Mr. Ladyboy, ich brauche keine Tüte.
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Plus, plus, plus.
Verdammt…ist das bereits die
maximale Lautstärke meines Mp3-Players?
Das Boot kippt mit jeder Welle etwa 45° nach links und
dann wieder nach rechts. Und neben meinen Füßen die letzte Mahlzeit der
Japanerin, die gerade in eine Zipper-Kotztüte erbrochen hat und es für eine großartige Idee hält, die benutze Tüte direkt neben meinen Füßen abzulegen.
Links von ihr zwei weitere seekranke Japaner und rechts
von ihr ich mit einem Gesichtsausdruck, der scheinbar so viel Panik und Ekel
vereint, dass mich Mr. Ladyboy bereits zweimal gefragt hat, ob ich nicht doch
eine Zippertüte will.
Sääänk juuu, Mr. Ladyboy. Not for me pliiiiiies.
Und jetzt Augen zu und durch oder auch: Musik an und auf etwas
anderes konzentrieren.
Ich klicke mich ein wenig durch die Playlist meines Mp3-Players und frage mich, welchen Song ich freiwillig
mit der Erinnerung an drei kotzende Japaner auf dem Weg von Koh Tao nach Krabi verknüpfen möchte.
„I’m gonna pick up
the pieces and build a lego house“.
Mhhh. Das ist definitiv nicht der passende Song in dieser
Situation. Ich muss ein wenig lachen und beschließe dann, meinen Mp3-Player einfach auszuschalten. Ich halte mir die Ohren zu und versuche, an etwas Schönes zu denken.
Hust, hust, würg.
Ich blicke skeptisch auf die weiße Tüte neben meinen
Füßen.
Mr. Ladyboy, kannst du bitte kommen und die Tüte
mitnehmen? Pliiiies. Sääänk juuu.
Schwipp schwapp.
Ich hoffe, wirklich, dass die Zipper-Kotztüte den Quality
Check besteht.
Noch eine Stunde und dreizehn Minuten. Dreiundsiebzig Minuten.
Würg.
Als ich um 8:30 Uhr am Hafen
ankomme und mindestens dreiundsiebzig Mal gebetet habe, dass die Zippertüten halten, was sie versprechen, bin ich erleichtert.
Stiftung Zipper-Kotztütentest: sehr gut.
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„Klaaaaabi Klaaaabi, come to
bus guys“, quiekt eine Thailänderin und presst einen Koffer nach dem anderen in
einen Mini-Bus, der bereits jetzt überfüllt aussieht. „Thlee people to other
bus pleaaase.“
Ok. Sie haben es auch
gecheckt, dass keine 15 Leute in einen12-Mann-Bus passen . Ich drücke dem
Busfahrer meinen Backpack in die Hand und klettere in den Bus. Und jetzt: Gute
Nacht.
Oder doch nicht. Bereits
nach 10 Minuten halten wir am Seven Eleven für „Blekfaaaaas gaiiiis
pliiiiiiiies. Heb nice blekfaaaas o ten minite."
Frühstück am Seven Eleven.
Juhu.
Die Auswahl an
Frühstücksprodukten im Seven Eleven beeindruckend. Zwischen Toast mit Pudding,
lila Kuchen, Hühneranusbällchen und Würstchen auf einem Warmhalteband finde ich
neben Toasties mit Spaghetti Carbonara- und Hackfüllung auch ein klassisches Toastie
mit Käse und Schinken. Ich lasse es von der Thailänderin mit orangefarbener
Schirmmütze toasten und wundere mich, als ich wenige Minuten später eine gelbe Umverpackung
mit der Aufschrift „96.4 % natural cheese“ in der Hand halte. Sechsundneunzigkommavierprozent
echter Käse.
Und der Rest?
Es scheint aber so, als
wären 96,4 % ein besonders hoher Anteil an echtem Käse, denn sonst würden sie
vermutlich nicht darüber sprechen und es direkt auf die Packung drucken lassen.
Ich beiße in mein Toastie
und freue mich über 96,4 % echten Käse, die restlichen geheimnisvollen 3,6 % Nicht-Käse-im-Käse-Zutat
und auf den Tag, an dem ich mich wieder 100 % natürlich ernähren kann.
Dann steige ich zurück in
den Bus.
Zweiter Versuch.
Gute Nacht.
„Halloooo, wo kommst denn du
genau her?“, fragt mich der braungebrannte Mann Mitte 50 mit der gelben
Regenjacke und dreht sich um. „Ich habe gerade gehört, dass du Deutsch
sprichst?“
Grmpf.
„Willst du auch einen
Keks?“, sagt er und hält mir eine Packung Chocolate Cookies unter die Nase. Wir
plaudern eine Weile, bis er erneut fragt, ob ich einen Keks möchte. Anschließend
holt er aus seinem Rucksack auffällig unauffällig eine Flasche Cognac, nimmt
einen großen Schluck und steckt sie zurück in seine Tasche. Er stellt mir
weitere Fragen. Woher ich komme, was ich beruflich mache, wie alt ich bin, wo
ich hinreise,…
Und zwischendurch versucht
er weitere 73 Mal, mir einen Schokoladenkeks anzudrehen und nimmt dies als
Anlass, um unauffällig den Cognac-Teil zu wiederholen.
Steht eigentlich irgendwo
auf meiner Stirn, dass ich die Anlaufstelle für soziale Problemfälle jeder Art
bin oder dass sich alle Personen, die seekrank, alkoholkrank oder geisteskrank
in meine Nähe setzen sollen?
Ich möchte keinen Keks.
Ich möchte einfach nur schlafen.
Sääänk juuu.
„Willst du mit mir kommen?“,
fährt Mr. Cognac fort und schaut mich erwartungsvoll an.
Mindestens 96,4 % nein.
Dann tippe ich eine Notiz in
mein Handy und gebe es meinen deutschen Sitznachbarn, als wolle ich ihnen ein
Foto zeigen.
„Hey ihr beiden. Könnt ihr
vielleicht so tun, als würden wir zusammen gehören, wenn wir aussteigen? Der
Typ vor mir ist seltsam.“
Die beiden Deutschen machen
das Taucherzeichen für „OK“ und grinsen mich an.
Nach 2,5 Stunden steige ich
müde aus dem Bus und freue mich, als Mr. Cognac nach weiteren Annäherungsversuchen
endlich verschwindet, weil die anderen beiden Deutschen ihm glaubhaft
vermitteln, dass ich nicht allein bin.
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Angekommen an der
Bushaltestelle, beschließe ich spontan, nach Koh Lanta zu fahren und buche ein
Ticket für das Auto, das in 10 Minuten losfährt.
Dritter Versuch: Gute Nacht.
Ich suche immer noch dem
versteckten Hinweisschild, das besagt, dass sich alle seltsamen Gestalten gerne
neben mich setzen können, als ich in die letzte Notsitzreihe des Buses direkt
neben dem Gepäck verschoben werde. Neben mir ein Supernerd mit Ipad, der
Candycrush mit Ton spielt und fast auf meinem Schoß sitzt, weil das Gepäck
rechts von ihm mit jeder Kurve ein bisschen weiter in die Mitte rutscht.
Daneben ich mit 20 Grad nach rechts geneigtem Kopf, weil der Bus ein gewölbtes
Dach hat und nicht für Personen mit meiner Körpergröße gebaut wurde.
Als Mr. Candycrush sein Spiel
beendet hat, beschließt er, auf meiner Schulter einzuschlafen und ich verbringe
die restliche Fahrt damit, seinen Kopf mit beiden Händen in die andere Richtung
zu stemmen. Wenn er sich jetzt noch auf meiner Schulter übergibt, buche ich
morgen meinen Rückflug.
Ich schwöre.
96,4 %.
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