Freitag, 26. Dezember 2014

Von Koh Tao nach Krabi



Nach zwei Stunden Schlaf auf dem Hosteldach und tausend Tränen, die ich gelacht habe, klingelt um 5:30 Uhr nach einer unvergesslichen letzten Koh-Tao-Partynacht mein Wecker. 

Was für eine grausame Uhrzeit, um mit einer Fähre nach Krabi zu fahren.

Ich packe im Dunkeln meine Sachen und mache mich auf den Weg zur Tauchschule, um dort meinen Tauchkurs zu bezahlen, bevor ich Koh Tao verlasse.

Dann gehe ich zum Hafen. 

„Warum sind hier eigentlich mehr als 50 % der Mitarbeiter Ladyboys?“, frage ich mich, als ich einem Mitarbeiter mit rosa Shirt und der Aufschrift „Seatran“ mein Ticket in die Hand drücke.

Mr. Ladyboy bedankt sich lächelnd mit einem „Sääänk juuu“ und hält mir einen Sticker unter die Nase, den er auf seine Fingerspitze geklebt hat. Ich nehme den Sticker, klebe ihn auf mein Shirt und betrete grinsend das Boot.

Wenn ich als Kerl täglich so ein seltsames rosa Mitarbeitershirt tragen müsste, würde ich wahrscheinlich auch irgendwann früher oder später ein Ladyboy werden, damit ich mich nicht völlig bescheuert in meiner Arbeitskleidung fühle.


Ich puste mein Nackenkissen auf, stecke mir meine Kopfhörer in die Ohren und hoffe, dass ich jetzt noch ein bisschen Schlaf nachholen kann. Ich schließe meine Augen.


Bevor das Boot losfährt, tippt mich ein weiterer Seatran-Ladyboy-Mitarbeiter an, der grinsend Zipper-Kotztüten verteilt. "For you Missis, pliiiiies."

Sääänk juu, Mr. Ladyboy, ich brauche keine Tüte.


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Plus, plus, plus.

Verdammt…ist das bereits die maximale Lautstärke meines Mp3-Players?

Das Boot kippt mit jeder Welle etwa 45° nach links und dann wieder nach rechts. Und neben meinen Füßen die letzte Mahlzeit der Japanerin, die gerade in eine Zipper-Kotztüte erbrochen hat und es für eine großartige Idee hält, die benutze Tüte direkt neben meinen Füßen abzulegen.

Links von ihr zwei weitere seekranke Japaner und rechts von ihr ich mit einem Gesichtsausdruck, der scheinbar so viel Panik und Ekel vereint, dass mich Mr. Ladyboy bereits zweimal gefragt hat, ob ich nicht doch eine Zippertüte will.

Sääänk juuu, Mr. Ladyboy. Not for me pliiiiiies.

Und jetzt Augen zu und durch oder auch: Musik an und auf etwas anderes konzentrieren.

Ich klicke mich ein wenig durch die Playlist meines Mp3-Players und frage mich, welchen Song ich freiwillig mit der Erinnerung an drei kotzende Japaner auf dem Weg von Koh Tao nach Krabi verknüpfen möchte.

„I’m gonna pick up the pieces and build a lego house“.

Mhhh. Das ist definitiv nicht der passende Song in dieser Situation. Ich muss ein wenig lachen und beschließe dann, meinen Mp3-Player einfach auszuschalten. Ich halte mir die Ohren zu und versuche, an etwas Schönes zu denken.

Hust, hust, würg.

Ich blicke skeptisch auf die weiße Tüte neben meinen Füßen.

Mr. Ladyboy, kannst du bitte kommen und die Tüte mitnehmen? Pliiiies. Sääänk juuu.

Schwipp schwapp.

Ich hoffe, wirklich, dass die Zipper-Kotztüte den Quality Check besteht.

Noch eine Stunde und dreizehn Minuten. Dreiundsiebzig Minuten.


Würg.

 
Als ich um 8:30 Uhr am Hafen ankomme und mindestens dreiundsiebzig Mal gebetet habe, dass die Zippertüten halten, was sie versprechen, bin ich erleichtert.

Stiftung Zipper-Kotztütentest: sehr gut.


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„Klaaaaabi Klaaaabi, come to bus guys“, quiekt eine Thailänderin und presst einen Koffer nach dem anderen in einen Mini-Bus, der bereits jetzt überfüllt aussieht. „Thlee people to other bus pleaaase.“

Ok. Sie haben es auch gecheckt, dass keine 15 Leute in einen12-Mann-Bus passen . Ich drücke dem Busfahrer meinen Backpack in die Hand und klettere in den Bus. Und jetzt: Gute Nacht.

Oder doch nicht. Bereits nach 10 Minuten halten wir am Seven Eleven für „Blekfaaaaas gaiiiis pliiiiiiiies. Heb nice blekfaaaas o ten minite."


Frühstück am Seven Eleven. Juhu. 

Die Auswahl an Frühstücksprodukten im Seven Eleven beeindruckend. Zwischen Toast mit Pudding, lila Kuchen, Hühneranusbällchen und Würstchen auf einem Warmhalteband finde ich neben Toasties mit Spaghetti Carbonara- und Hackfüllung auch ein klassisches Toastie mit Käse und Schinken. Ich lasse es von der Thailänderin mit orangefarbener Schirmmütze toasten und wundere mich, als ich wenige Minuten später eine gelbe Umverpackung mit der Aufschrift „96.4 % natural cheese“ in der Hand halte. Sechsundneunzigkommavierprozent echter Käse. 

Und der Rest? 

Es scheint aber so, als wären 96,4 % ein besonders hoher Anteil an echtem Käse, denn sonst würden sie vermutlich nicht darüber sprechen und es direkt auf die Packung drucken lassen.
Ich beiße in mein Toastie und freue mich über 96,4 % echten Käse, die restlichen geheimnisvollen 3,6 % Nicht-Käse-im-Käse-Zutat und auf den Tag, an dem ich mich wieder 100 % natürlich ernähren kann. 

Dann steige ich zurück in den Bus.

Zweiter Versuch. 


Gute Nacht.

„Halloooo, wo kommst denn du genau her?“, fragt mich der braungebrannte Mann Mitte 50 mit der gelben Regenjacke und dreht sich um. „Ich habe gerade gehört, dass du Deutsch sprichst?“

Grmpf.

„Willst du auch einen Keks?“, sagt er und hält mir eine Packung Chocolate Cookies unter die Nase. Wir plaudern eine Weile, bis er erneut fragt, ob ich einen Keks möchte. Anschließend holt er aus seinem Rucksack auffällig unauffällig eine Flasche Cognac, nimmt einen großen Schluck und steckt sie zurück in seine Tasche. Er stellt mir weitere Fragen. Woher ich komme, was ich beruflich mache, wie alt ich bin, wo ich hinreise,…

Und zwischendurch versucht er weitere 73 Mal, mir einen Schokoladenkeks anzudrehen und nimmt dies als Anlass, um unauffällig den Cognac-Teil zu wiederholen.

Steht eigentlich irgendwo auf meiner Stirn, dass ich die Anlaufstelle für soziale Problemfälle jeder Art bin oder dass sich alle Personen, die seekrank, alkoholkrank oder geisteskrank in meine Nähe setzen sollen?

Ich möchte keinen Keks. 

Ich möchte einfach nur schlafen.

Sääänk juuu.

„Willst du mit mir kommen?“, fährt Mr. Cognac fort und schaut mich erwartungsvoll an.

Mindestens 96,4 % nein.

Dann tippe ich eine Notiz in mein Handy und gebe es meinen deutschen Sitznachbarn, als wolle ich ihnen ein Foto zeigen.

„Hey ihr beiden. Könnt ihr vielleicht so tun, als würden wir zusammen gehören, wenn wir aussteigen? Der Typ vor mir ist seltsam.“

Die beiden Deutschen machen das Taucherzeichen für „OK“ und grinsen mich an.

Nach 2,5 Stunden steige ich müde aus dem Bus und freue mich, als Mr. Cognac nach weiteren Annäherungsversuchen endlich verschwindet, weil die anderen beiden Deutschen ihm glaubhaft vermitteln, dass ich nicht allein bin.


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Angekommen an der Bushaltestelle, beschließe ich spontan, nach Koh Lanta zu fahren und buche ein Ticket für das Auto, das in 10 Minuten losfährt. 

Dritter Versuch: Gute Nacht.

Ich suche immer noch dem versteckten Hinweisschild, das besagt, dass sich alle seltsamen Gestalten gerne neben mich setzen können, als ich in die letzte Notsitzreihe des Buses direkt neben dem Gepäck verschoben werde. Neben mir ein Supernerd mit Ipad, der Candycrush mit Ton spielt und fast auf meinem Schoß sitzt, weil das Gepäck rechts von ihm mit jeder Kurve ein bisschen weiter in die Mitte rutscht. Daneben ich mit 20 Grad nach rechts geneigtem Kopf, weil der Bus ein gewölbtes Dach hat und nicht für Personen mit meiner Körpergröße gebaut wurde.

Als Mr. Candycrush sein Spiel beendet hat, beschließt er, auf meiner Schulter einzuschlafen und ich verbringe die restliche Fahrt damit, seinen Kopf mit beiden Händen in die andere Richtung zu stemmen. Wenn er sich jetzt noch auf meiner Schulter übergibt, buche ich morgen meinen Rückflug.

Ich schwöre.
96,4 %.










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