Sonntag, 28. Dezember 2014

Zurück in Bangkok

„Beep beep“

„Beep beep“

„Beeeeeeeeeeeep“

schrillt es und der Tuktukfahrer mit dem rosa Playboy-Glitzer-Nummernschild haut mit seiner Faust immer wieder auf die kleine Hupe, die sich rechts von seinem Lenkrad befindet. Er drängelt sich an Taxis und Mofas vorbei, rast so um die Kurve, dass ich das Gefühl habe, jetzt doch endlich in dem Fahrgeschäft zu sitzen, das ich in den beleuchteten Straßen Phukets nicht fand und beobachte im Spiegel, wie der Taxifahrer seinen Mund immer wieder zu einem breiten Lächeln verzieht. Das ist das Lächeln, vor dem mich mein Zahnarzt als Kind mit der Riesenzahnbürste und dem überdimensionalen Gebiss immer gewarnt hat. Das „Karius-und-Baktus-Tuktukfahrerlächeln“, das ich jetzt für immer mit dieser Fahrt durch Bangkok verbinden werde.

Die Blümchenkette, die liebevoll den Spiegel dekoriert, baumelt mit jeder Kurve von links nach rechts. Vielleicht kann man mich damit hypnotisieren, wenn ich sie lang genug anstarre? Ich sollte mal meinen Zahnarzt fragen.

Ich kralle mich am silbernen Griff des kleinen roten Fahrzeuges fest. Presse meinen Rücken gegen die Lehne. Drücke meine Füße auf den silbernen Blechboden mit dem Streifenmuster, klemme meinen Rucksack zwischen meinen Beinen ein und versuche, auf der roten Kunstlederbank auf „meiner Seite“ zu bleiben.

Warme Abgasluft weht mir die Haare aus dem Gesicht. Ich atme wie durch einen Filter die schwere Luft ein.

Jetzt begreife ich endlich, warum es Mentholstifte gibt.

Und dann frage ich mich, wie es sich wohl anfühlen mag, täglich mit einem bunten motorisierten Dreirad für Erwachsene, Glitzer-Nummernschild, Blümchenanhänger und ständigem „Beeeep beeep“ durch dreckige, überfüllte Straßen und die versmogte Luft Bangkoks zu rasen. Wie es sich wohl anfühlen mag, Backpacker wie uns aufzusammeln, ihnen einen „Special discount“ wie an jedem anderen Tag anzubieten und mit Kariuslächeln durch die vollste Stadt zu fahren, die ich je gesehen habe.

Als Vorher-Modell meines Zahnarztes hätte er sich wahrscheinlich besser bewährt.

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„Dürfen wir mit euch eine kleine Tempeltour machen und euch durch die Stadt führen?“, fragt uns höflich ein netter Thailänder Anfang dreißig und dreht sich zu einer Gruppe adrett gekleideter Schüler in grünen Polo-Shirts mit weißem Kragen. Etwa 30 Augen starren uns leuchtend an. „Das ist Teil einer Prüfung in unserem Englischunterricht“, erklärt er, zückt sein Handy und bittet uns um ein Foto.

Auf den „Was-für-eine-seltsame-Prüfung-Gedanken“ folgt sogleich der „Warum-eigentlich nicht-Gedanke“ und schon marschieren Bart und ich los. Neben uns der kleine Lehrer mit der Harry-Potter-Brille und dem dunkelblauen Wollpulli (sind ja zum Glück nur knapp 30°C heute) und hinter uns eine kleine Karawane aus etwa 15 Schülern mit 15 iPhones, die ab jetzt jeden kleinsten unserer Schritte dokumentieren, als dürften sie gerade Justin Bieber und Miley Cyrus auf dem Weg zu ihrer Erleuchtung beim Riesenbuddha begleiten.

Wenn ich mich jemals gefragt hätte, wie sich die B-Promis da draußen mit ihren 95 Paparazzi fühlen, dann hätte ich jetzt die Antwort. Habe ich mich aber zum Glück nie gefragt und darf es jetzt trotzdem erleben. Wenn das nicht großartig ist!

Klick. Klick. Klick.

Ich bin gespannt, auf welcher Fanseite der lustige Holländer und die verplante Deutsche morgen zu sehen sein werden, in welchen Facebookposts wir vorkommen und wie viele Twitternachrichten mit uns gefüllt sein werden.

Hashtag Erleuchtung. Hashtag Bestschooltripever. Hashtag Ilovemyenglishclasses

Egal. Wir werden es nie erfahren.

Wir sind ja schließlich nicht Justin und Miley, sondern nur zwei Backpacker, die zufälligerweise in eine Schülergruppe gerannt sind.

Zum „großen goldenen Buddha“ (wie viele gibt es eigentlich davon?) gehen wir aber trotzdem. Wir werfen kleine Münzen in Glückseimer, klettern auf eine Aussichtsplattform und lassen uns anschließend weitere 327 Mal fotografieren während wir mit der Fähre über den Fluss zu einem Mönch schippern.

„We are famous“, lacht Bart und fragt dann mit einem Grinsen den vermissten Zwillingsbruder von Harry Potter, ob wir uns heute vielleicht wenigstens noch von einem Mönch segnen lassen könnten, wenn wir schon die Ehre haben, mit Potter und seinem Team durch Bangkok zu spazieren.

Dann deutet er auf einen Mönch, der in gelbem Gewand auf einem terrakottafarbenen, überdachten Betonboden kniet. „Of course you can“, antwortet unser Reiseguide und schiebt uns ein bisschen näher Richtung Erleuchtung. Die Karawane folgt uns. Und dann erreichen wir nicht nur den Mönch auf seiner Terrakotta-Plattform, sondern auch einen Tapeziertisch voller Plastik-Putzeimer mit gelben Deckeln.

Definitiv eine Szene, die ich mir auch beim Putzeimer-Ausverkauf von „Nix-wie-Hin“ oder Poco vorstellen könnte…ohne den Mönch natürlich!

Ich grinse.

Dann lasse ich meinen Blick über jeden einzelnen der Putzeimer schweifen und frage mich, ob hier nicht doch gerade ein geheimer Mr. Proper-Dreh stattfindet und sich Mr. Potter einen Spaß in seiner Unterrichtseinheit erlauben wollte. „Sag mir dein Geburtsdatum“, fordert ein zweiter Mann in gelbem Gewand uns bestimmend auf und drückt uns dann je einen der gelben Plastikeimer und ein buntes Tuch in die Hand.

Inzwischen ist es still und sogar die Schülergruppe hat ihre Handys in den Taschen verschwinden lassen. Das muss scheinbar wirklich ein Magic Moment sein.

Ich muss mich beherrschen, nicht loszuglucksen.

Dann ziehe ich meine Schuhe aus, wickle mir den regenbogenfarbenen Umhang wie ein Kleid um und steige langsam mit dem Eimer auf die Terrakotta-Plattform und knie mich vor den Mönch.

„Ernst bleiben, Julia“, ermahne ich mich, als ich in meinem Eimer neben einer Klopapierrolle eine Flasche Gatorate, eine Dose Thunfisch in Öl, ein Viererpack Batterien, 400 ml Shampoo und ein Stück Seife der Marke Palmolive entdecke und der Mönch mit einem Räucherstäbchen wild vor meinen Augen herumwedelt. Ich senke meinen Kopf und grinse in mein Regenbogengewand.

Seriösität, Julia.

Das ist hier KEINE Mr.Proper-Werbung, sondern eine ERNSTZUNEHMENDE Zeremonie. Frag Potter und sein Team.

Ich überreiche dem Mönch meine Plastik-Putzeimer und ernte einen dankbaren Blick. Ich wünsche mir, dass sich alle Menschen ähnlich freuen, wenn ich ihnen in Zukunft einen Putzeimer in die Hand drücke und frage mich, wer sich dieses seltsame Prozedere ausgedacht hat.

Egal, Julia.

Gleich kommt dein Sternschnuppenmoment und du darfst dir etwas wünschen.

Das ist immer gut.

Auch wenn du es dir mit einem Eimer voller Thunfisch in Öl, Batterien, Energy, Klopapier und Seife in der Hand wünscht.

Der Mönch bittet seinen „Mitarbeiter“, mir ein rotes Armband um mein Handgelenk zu binden und drückt mir einen silbernen Kelch mit Wasser in die Hand. Er taucht ein paar dünne Bambusstreifen in den Kelch, klopft mir dreimal auf den Kopf, wedelt mir etwas Wasser ins Gesicht und bittet mich dann, das Wasser aus dem Kelch an einen Baum zu kippen.

Und dann wünsche ich mir, dass ich immer wie ein Fisch mit voller Batterie durchs Leben schwimme, mir nie die Energie ausgeht, ich nicht in Scheißsituationen gerate und alle Sorgen einfach wegdusche.

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