„Hi Julia, my name is
Luca. I am gonna be your dive instructor for the next two dives of your
advanced course.” “Hi Luca, nice to meet you“, erwidere ich und
gebe ihm die Hand.
Luca erklärt mir, dass wir heute 30 Meter tief tauchen,
einige Minuten am tiefsten Punkt bleiben und dann unseren Sicherheitsstopp bei einem
“Droptank” direkt unter dem Boot machen. Dort werden wir unsere Regulatoren
gegen die des Tanks tauschen und 3 Minuten vom Droptank atmen bis wir wieder zurück
an die Oberfläche schwimmen.
Ich hasse es, den Sauerstoffregulator unter Wasser zu
tauschen.
Außerdem erklärt mir Luca, dass ich in 30 Metern Tiefe
einige Fragen beantworten soll, weil es sein kann, dass ich durch den erhöhten
Stickstoffanteil in der Luft nicht mehr klar denken kann. Ab einer gewissen
Tiefe wird ein „Diver’s high“ wahrscheinlich, das bei einigen Tauchern schon
dazu geführt hat, dass sie dachten, sie könnten ohne Regulator weiteratmen.
Ich bin gespannt, wie ich mich fühlen werde.
Luca und ich ziehen unsere Wetsuits an und bereiten das
Tauchequipment vor. Weste, Sauerstofftank, Bleigürtel. Check. Flossen, Maske,
Tauchcomputer. Check.
„Are you ready?“, fragt Luca und springt wenige Sekunden
später vom Boot.
Platsch.
„Yep“, erwidere ich und springe ebenfalls vom Boot. Dann
sinken wir langsam in die Tiefe.
2 Meter
6 Meter
9 Meter
13 Meter
17 Meter
22 Meter
Ich schaue auf meinen Tauchcomputer und blicke zur
Wasseroberfläche.
25 Meter
27 Meter
29 Meter
30 Meter
Sand
„Ganz schön tief“, denke ich mir und betrachte das Wrack,
das vor uns liegt. Dann konzentriere ich mich auf meine Atmung, presse meine
Maske erneut gegen mein Gesicht und schaue Luca fragend an.
Er holt eine Tafel und einen Stift aus seiner Tasche und
beginnt zu schreiben.
„What’s your name?“
Ich freue mich, dass Luca mit einer so einfachen Frage
beginnt. Ich grinse, nehme ihm den Stift aus der Hand und schreibe „Julia or
Lisa“ auf die Tafel, weil ich in der Tauchschule als Lisa auf der Tafel notiert
wurde.
Ich ergänze einen Smiley.
Luca deutet auf seinen Tauchcomputer. 30,5 Meter, 29 Grad
Wassertemperatur und 11 Minuten, die wir in dieser Tiefe bleiben können ohne
eine Dekompressionskrankheit zu riskieren.
11 Minuten, um 5 weitere Fragen zu beantworten.
„What does your computer say?“, schreibt Luca auf die
Tafel und gibt mir den Stift.
Ich presse meine Maske gegen mein Gesicht und schließe
meine Augen.
Ich merke, dass ich mich auf einmal stark konzentrieren
muss, um die Zahlen, die ich auf meinem Display sehe, abzuschreiben.
29,6 Meter, 28 Grad Wassertemperatur, 12 Minuten.
Komisch. Warum zeigt mein Computer etwas anderes an als
der von Luca?
Luca kritzelt 2 weitere Fragen auf seine Tafel und
schreibt dann „2 x 2 : 2 = ?“
Zwei, zwei, x, zwei, gleich Fragezeichen.
Punkt- vor Strichrechnung? Zwei, zwei, x, zwei?
Ich muss einige Sekunden überlegen und schreibe dann „2“
auf die Tafel. Ich fühle mich etwas benommen.
Luca klatscht in die Hände und schreibt dann die letzte
Frage auf die Tafel: „What’s my name?“
Tjaaa…wie heißt der Typ, mit dem ich gerade tauche?
Mhhh. Ich werfe einen erneuten Blick auf meinen
Tauchcomputer. Noch 4 Minuten in dieser Tiefe.
Luca schaut mich fragend an und ich kann mich einfach
nicht erinnern, wie er heißt.
Ich blicke auf das Wrack, atme tief ein und schaue beim
Ausatmen den Luftblasen hinterher, die aus meinem Regulator an die Oberfläche
steigen.
Konzentration.
Luca tippt mich an und macht das
„Du-bist-verwirrt-Zeichen“ und deutet anschließend Richtung Wasseroberfläche.
Wir füllen unsere Jacken mit ein wenig Luft, steigen nach
oben und ich frage mich immer noch, wie eigentlich der Italiener heißt, mit dem
ich gerade tauche.
7 Meter später fällt mir sein Name wieder ein.
Weitere 20 Meter später treffen wir auf den Droptank, der
direkt unter dem Boot an einem weißen Seil hängt und mit den Wellen von einer
Seite auf die andere schwingt. Luca greift einen der beiden Regulatoren und
verdeutlicht mir, dass ich diesen gegen meinen eigenen tauschen soll.
Mhhhhh. Muss das sein?
Er deutet auf das Luftdruckmessgerät und öffnet den Tank.
Ich beobachte, wie sich die Nadel langsam von 0 auf 200 bewegt und wünsche mir
immer noch, diese Übung nicht machen zu müssen. Ich blicke nach oben und
realisiere, dass sich das Boot nur wenige Meter über uns befindet.
Was ist, wenn der Droptank kaputt ist und ich auftauchen
will?
Puuuuh.
Nicht nachdenken, Julia.
Ich greife das Seil, halte es krampfhaft fest und
schwinge jetzt mit dem Tank unter dem Boot.
Schwapp. Schwapp.
Bzzzzzzzzzzz.
Ich versuche, das Geräusch des Motors zu ignorieren und
tippe Luca an.
Und jetzt?
Luca nimmt seinen Regulator aus dem Mund und tauscht ihn
gegen den gelben Regulator des Droptanks. Dann drückt er mir den schwarzen
Regulator in die Hand.
Bzzzzzz.
Einfach nicht daran denken, dass das Boot direkt über uns
ist, Julia.
Luca merkt, dass ich Angst habe, greift meine Hand und
verdeutlicht mir, dass ich ruhig atmen soll.
Ruuuuhig bleiben, Julia.
Ich nehme meinen Regulator aus dem Mund, ziehe ruckartig
den Droptank-Regulator an mich heran und bin erleichtert, als ich den ersten Atemzug
genommen habe.
Dann schließe ich meine Augen.
3 Minuten, bis alles vorbei ist.
Ich hänge am Droptank, schwinge mit den Wellen und denke mir: „Ich bin sooo doof, dass ich
mir das freiwillig antue.“
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen