Sonntag, 21. Dezember 2014

Tauchgang Nummer 3



„Hi Julia, my name is Luca. I am gonna be your dive instructor for the next two dives of your advanced course.” “Hi Luca, nice to meet you“, erwidere ich und gebe ihm die Hand.

Luca erklärt mir, dass wir heute 30 Meter tief tauchen, einige Minuten am tiefsten Punkt bleiben und dann unseren Sicherheitsstopp bei einem “Droptank” direkt unter dem Boot machen. Dort werden wir unsere Regulatoren gegen die des Tanks tauschen und 3 Minuten vom Droptank atmen bis wir wieder zurück an die Oberfläche schwimmen. 

Ich hasse es, den Sauerstoffregulator unter Wasser zu tauschen.

Außerdem erklärt mir Luca, dass ich in 30 Metern Tiefe einige Fragen beantworten soll, weil es sein kann, dass ich durch den erhöhten Stickstoffanteil in der Luft nicht mehr klar denken kann. Ab einer gewissen Tiefe wird ein „Diver’s high“ wahrscheinlich, das bei einigen Tauchern schon dazu geführt hat, dass sie dachten, sie könnten ohne Regulator weiteratmen.

Ich bin gespannt, wie ich mich fühlen werde.

Luca und ich ziehen unsere Wetsuits an und bereiten das Tauchequipment vor. Weste, Sauerstofftank, Bleigürtel. Check. Flossen, Maske, Tauchcomputer. Check.

„Are you ready?“, fragt Luca und springt wenige Sekunden später vom Boot.

Platsch.

„Yep“, erwidere ich und springe ebenfalls vom Boot. Dann sinken wir langsam in die Tiefe.
 
2 Meter

6 Meter

9 Meter

13 Meter

17 Meter

22 Meter

Ich schaue auf meinen Tauchcomputer und blicke zur Wasseroberfläche. 

25 Meter

27 Meter

29 Meter

30 Meter

Sand

„Ganz schön tief“, denke ich mir und betrachte das Wrack, das vor uns liegt. Dann konzentriere ich mich auf meine Atmung, presse meine Maske erneut gegen mein Gesicht und schaue Luca fragend an.

Er holt eine Tafel und einen Stift aus seiner Tasche und beginnt zu schreiben.

„What’s your name?“

Ich freue mich, dass Luca mit einer so einfachen Frage beginnt. Ich grinse, nehme ihm den Stift aus der Hand und schreibe „Julia or Lisa“ auf die Tafel, weil ich in der Tauchschule als Lisa auf der Tafel notiert wurde.

Ich ergänze einen Smiley.

Luca deutet auf seinen Tauchcomputer. 30,5 Meter, 29 Grad Wassertemperatur und 11 Minuten, die wir in dieser Tiefe bleiben können ohne eine Dekompressionskrankheit zu riskieren. 

11 Minuten, um 5 weitere Fragen zu beantworten.

„What does your computer say?“, schreibt Luca auf die Tafel und gibt mir den Stift.
Ich presse meine Maske gegen mein Gesicht und schließe meine Augen.

Ich merke, dass ich mich auf einmal stark konzentrieren muss, um die Zahlen, die ich auf meinem Display sehe, abzuschreiben.

29,6 Meter, 28 Grad Wassertemperatur, 12 Minuten. 

Komisch. Warum zeigt mein Computer etwas anderes an als der von Luca?

Luca kritzelt 2 weitere Fragen auf seine Tafel und schreibt dann „2 x 2 : 2 = ?“ 

Zwei, zwei, x, zwei, gleich Fragezeichen. 

Punkt- vor Strichrechnung? Zwei, zwei, x,  zwei?

Ich muss einige Sekunden überlegen und schreibe dann „2“ auf die Tafel. Ich fühle mich etwas benommen. 

Luca klatscht in die Hände und schreibt dann die letzte Frage auf die Tafel: „What’s my name?“ 

Tjaaa…wie heißt der Typ, mit dem ich gerade tauche?

Mhhh. Ich werfe einen erneuten Blick auf meinen Tauchcomputer. Noch 4 Minuten in dieser Tiefe. 

Luca schaut mich fragend an und ich kann mich einfach nicht erinnern, wie er heißt.
Ich blicke auf das Wrack, atme tief ein und schaue beim Ausatmen den Luftblasen hinterher, die aus meinem Regulator an die Oberfläche steigen. 

Konzentration.

Luca tippt mich an und macht das „Du-bist-verwirrt-Zeichen“ und deutet anschließend Richtung Wasseroberfläche.

Wir füllen unsere Jacken mit ein wenig Luft, steigen nach oben und ich frage mich immer noch, wie eigentlich der Italiener heißt, mit dem ich gerade tauche.

7 Meter später fällt mir sein Name wieder ein.

Weitere 20 Meter später treffen wir auf den Droptank, der direkt unter dem Boot an einem weißen Seil hängt und mit den Wellen von einer Seite auf die andere schwingt. Luca greift einen der beiden Regulatoren und verdeutlicht mir, dass ich diesen gegen meinen eigenen tauschen soll.

Mhhhhh. Muss das sein?

Er deutet auf das Luftdruckmessgerät und öffnet den Tank. Ich beobachte, wie sich die Nadel langsam von 0 auf 200 bewegt und wünsche mir immer noch, diese Übung nicht machen zu müssen. Ich blicke nach oben und realisiere, dass sich das Boot nur wenige Meter über uns befindet.

Was ist, wenn der Droptank kaputt ist und ich auftauchen will?

Puuuuh. 

Nicht nachdenken, Julia.

Ich greife das Seil, halte es krampfhaft fest und schwinge jetzt mit dem Tank unter dem Boot.

Schwapp. Schwapp.

Bzzzzzzzzzzz. 

Ich versuche, das Geräusch des Motors zu ignorieren und tippe Luca an.

Und jetzt?

Luca nimmt seinen Regulator aus dem Mund und tauscht ihn gegen den gelben Regulator des Droptanks. Dann drückt er mir den schwarzen Regulator in die Hand.

Bzzzzzz.

Einfach nicht daran denken, dass das Boot direkt über uns ist, Julia.

Luca merkt, dass ich Angst habe, greift meine Hand und verdeutlicht mir, dass ich ruhig atmen soll.

Ruuuuhig bleiben, Julia.

Ich nehme meinen Regulator aus dem Mund, ziehe ruckartig den Droptank-Regulator an mich heran und bin erleichtert, als ich den ersten Atemzug genommen habe.

Dann schließe ich meine Augen. 

3 Minuten, bis alles vorbei ist.

Ich hänge am Droptank, schwinge mit den Wellen  und denke mir: „Ich bin sooo doof, dass ich mir das freiwillig antue.“

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