Penibel zeichne ich mit einem Bleistift das Riff ab, was
auf einer Karte vor mir liegt. Ich beschrifte die Seiten mit 0-90-180-270 und
versuche, jedes noch so kleine Detail von der großen Karte zu kopieren.
Erste Übung des Tages: Navigation.
„Warum gibt es eigentlich kein Google Underwasser Maps?“,
frage ich mich und starre verwirrt auf den Kompass, den mir Sam in die Hand
gedrückt hat.
„Aaaalso Julia…wir werden gleich am Seil abtauchen. Das
ist etwa hier“, sagt Sam und deutet mit ihrem Finger auf mein Riff-Gemälde. Dann
suchst du dir zunächst eine auffällige Koralle oder ein anderes auffälliges
Merkmal am Riff. Die erste Aufgabe ist, dass du eine gerade Linie schwimmst und
zu dem Punkt zurückkehrst, den du dir ausgesucht hast."
Ich schaue Sam mit Türstopper-Löwenaugen an.
"Dafür schaust du auf
deinen Kompass, schwimmst zunächst acht Flossenschläge in Richtung 0, drehst
dich und schwimmst dann 8 Flossenschläge in Richtung 180 zurück. Das ist alles
eigentlich nur reine Mathematik und ein gewisser Sinn für Orientierung.“
Ok. Das mit der Mathematik bekomme ich hin.
Aber wenn ich selbst mit Googlemaps von einer Disko nach
Hause laufe, die ich schon 95 Mal besucht habe und mich dabei ausschließlich
auf mein Handy verlasse (wenn es mir nicht gerade aus der Hand geklaut wurde),
dann wird mein Orientierungssinn unter Wasser bestimmt grandios sein.
Naja, vielleicht entdecke ich ja heute eine ganz neue
Stärke an mir und werde zum Unterwasser-Navigationsprofi.
„Danach schwimmst du ein Dreieck und anschließend ein
Rechteck.“
Glaubt sie das wirklich?
Ich grinse.
„Wenn du das geschafft hast, führst du mich zum Boot
zurück. Du wirst diesen Tauchgang sozusagen leiten.“
Ok. Sie glaubt es wirklich.
Machen wir uns bereit dafür, mit einem Rettungsboot auf einer anderen Insel abgeholt zu werden.
Ich schnappe mir Flossen und Maske, prüfe ein letztes Mal mein Equipment und hüpfe ins Wasser.
Langsam sinken Sam und ich entlang des Seils in die
Tiefe.
3 Meter
5 Meter
7 Meter
10 Meter
15 Meter
18 Meter
Sand
Ok. Wo ist das Riff?
Ich schaue erst verwirrt um mich,
dann auf mein Riff-Gemälde und dann auf meinen Kompass.
Als ich einige Meter geschwommen bin und Korallen sehe,
freue ich mich wie ein kleines Kind, das gerade beim Topfschlagen per Zufall
den Topf gefunden hat.
Jetzt muss ich mir nur noch einen auffälligen Punkt suchen.
Warum zum Teufel sieht hier eigentlich alles gleich aus?
Ich werfe erneut einen Blick auf die Tafel mit meiner
Zeichnung.
Dann merke ich mir eine rosafarbene Koralle, blicke auf meinen
Kompass und drehe mich langsam im Kreis.
270-20-70-150-190-250
Kann mir mal jemand verraten, wo die 0 ist?
Ich drehe mich weitere zweimal im Kreis.
Ahh. Da ist sie ja.
Ich grinse zufrieden.
Dann schwimme ich los.
0-30-20-0-10-20-0-30-0
Kann der Kompass bitte einfach da stehen bleiben, wo er
war, als ich losgeschwommen bin?
Ich schaue Sam verwirrt an und deute auf meinen Kompass.
Sam greift meinen Arm, beugt ihn und zeigt mir, wie ich den Kompass
halten soll, damit ich gerade schwimme.
Ich suche erneut die 0 und schwimme los. Nach 8
Flossenschlägen drehe ich mich, suche die 180 und mache weitere 8 Flossenschläge.
Das war easy.
Nur wo ist die verdammte Koralle geblieben?
Ich schaue Sam verwirrt an.
Sie schwimmt zu mir, nimmt mein Riff-Gemälde und deutet
auf den Punkt, an dem wir uns befinden.
Ich bin verwirrt, weil es definitiv nicht meine rosafarbene Koralle
ist.
Dann deutet sie in eine völlig andere Richtung.
Tausend Fragezeichen in meinem Kopf.
Ich hoffe, sie sieht mir das an und beschließt einfach, den Tauchgang selbst zu leiten anstatt sich auf mich zu verlassen. Hätte ich jetzt ein Unterwasser-Telefon, würde ich an ihrer Stelle bereits das Rettungsboot benachrichtigen.
Wir
schwimmen gemeinsam los und landen nach ungefähr 10 Flossenschlägen bei meiner
Koralle.
Ich habe keine Ahnung, wie die auf einmal hier sein kann.
Es muss eine spontane Erdplattenverschiebung oder Korallenumpflanzung stattgefunden haben.
Eins von beidem wird es gewesen sein.
Sam und ich schwimmen ein bisschen weiter. Als wir bei
einem großen Metallkreis ankommen, der im Sand steht und kaum zu übersehen ist,
macht sie das Handzeichen für „Wiederholung“.
Wahrscheinlich denkt sie sich gerade: "Wenn wir beim Topfschlagen einfach den Topf gegen eine Regentonne austauschen, wird sie es schon irgendwie hinbekommen."
Ok. Konzentration, Julia.
Ok. Konzentration, Julia.
Ich suche auf meinem Kompass erneut die 0 und schwimme los.
Ich starre auf das kleine Kompass-Sichtfenster und achte penibel darauf, dass sich die 0 nicht bewegt. Nach 8 Flossenschlägen, einem Kopfstoß an einem Ankerseil und einer Bauchlandung auf dem Sand drehe ich um. Da der Kreis schon aus 50 Metern Entfernung zu sehen ist, finde ich ihn problemlos wieder. Sam klatscht zufrieden in die Hände.
Auch das Dreieck ist kein Problem für mich, weil ich den Metallring die gesamte Zeit im Augenwinkel sehe während ich gleichzeitig auf meinen Kompass blicke.
Ich starre auf das kleine Kompass-Sichtfenster und achte penibel darauf, dass sich die 0 nicht bewegt. Nach 8 Flossenschlägen, einem Kopfstoß an einem Ankerseil und einer Bauchlandung auf dem Sand drehe ich um. Da der Kreis schon aus 50 Metern Entfernung zu sehen ist, finde ich ihn problemlos wieder. Sam klatscht zufrieden in die Hände.
Auch das Dreieck ist kein Problem für mich, weil ich den Metallring die gesamte Zeit im Augenwinkel sehe während ich gleichzeitig auf meinen Kompass blicke.
Kommen wir zum Quadrat.
Kann mir mal jemand sagen, warum die Sicht plötzlich so schlecht ist?
Ich kann den Metallring schon nach 3 Flossenschlägen nicht mehr sehen, als ich mich umdrehe.
Egal. Einfach weiterschwimmen und hoffen, dass der Metallring dort wieder auftaucht, wo ich ankomme.
5
7
8
Und jetzt umdrehen.
90 auf meinem Kompass...los gehts.
8 Flossenschläge
Und jetzt?!
Ich dachte, dass ein Kreis 360° hat. Wenn ich jetzt in Richtung 270 schwimme, kann das doch nicht richtig sein?
…und wo zum Teufel ist
überhaupt die 360 auf meinem Kompass?!
Ich drehe mich ein paar Mal verwirrt im Kreis und schaue
dabei auf meine rotierende Kompassscheibe.
Sam tippt mich irgendwann an, nimmt mir meine Tafel aus der Hand, entfernt den Stift
aus der kleinen Lasche und schreibt mir eine Unterwassernachricht neben mein
Gemälde: „Die Sicht ist zu schlecht, wir wiederholen das ein
andermal. Finde den Weg zurück zum Boot.“
Puuuh. Ich hoffe, dass bis dahin irgendein kluger Programmierer
Google Unterwasser Maps entwickelt hat.
Nun gut. Zurück zum Boot. Oder irgendwo anders hin, wo uns ein Rettungsboot findet.
Als ich das Riff finde, freue ich mich erneut wie eine Topfschlagen-Gewinnerin und blicke auf meine
Karte.
Mhhhhh.
Ich rate jetzt einfach, wo wir sind.
Ich rate jetzt einfach, wo wir sind.
Ich suche mir willkürlich einen Punkt in der Nähe des
Bootes und schaue Sam fragend an. Sie blickt mich begeistert an, deutet etwa
einen Zentimeter daneben und klatscht begeistert in ihre Hände.
Auch ein verwirrtes Kind findet irgendwann beim Topfschlagen
die Regentonne mit den Süßigkeiten.
Ich schwimme entlang des Riffs und tippe zwischendurch
immer wieder willkürlich auf meine Karte.
Ich habe keine Ahnung, wo wir sind.
90-110-270-30.
50-80-120-190.
Ich habe wirklich keine Ahnung, wo wir sind.
Irgendein Rettungsboot wird uns schon abholen, wenn wir jetzt einfach auftauchen.
Ich deute nach oben. Sam nickt.
Wir steigen
langsam auf zur Wasseroberfläche.
Als ich an der Oberfläche ankomme, erblicke ich das Boot in etwa 7 Metern Entfernung.
Als ich an der Oberfläche ankomme, erblicke ich das Boot in etwa 7 Metern Entfernung.
Sam nimmt ihren Regulator aus dem Mund. „Das war echt super, Julia. Wann auch immer du mir auf der
Karte gezeigt hast, wo wir sind, war es richtig.“
Ich lache mich innerlich kaputt, klettere an der Leiter
zurück aufs Boot und lege meinen Kompass zurück in die weiße Plastikbox.
Irgendwann heirate ich einfach einen verrückten
Programmierer, bitte ihn, mir ein Unterwasser-Navigationssystem zu entwickeln, werde reich
und liege den Rest meines Lebens als Millionärin nur noch cocktailtrinkend am Strand.
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